"Ausbildung ist Zukunft"
Eine Internetkonferenz zum Weltkindertag
Dieser Text ist unter gleichem Titel erschienen in: Computer und Unterricht 10. Jg. 2000. (38), S. 26-27.
© 2000 Margret Reder, © 2007 sowi-online e.V., Bielefeld
sowi-online dankt dem Friedrich Verlag, Seelze und der Verfasserin für die freundliche Genehmigung zur Zweitveröffentlichung des Textes im Internet.
Um den Text zitierfähig zu machen, sind die Seitenwechsel des Originals in eckigen Klammern angegeben, z. B. [/S. 53:]. Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Copyright-Inhabers unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, auch im Internet.
Margret Reder
Inhalt
1. Einleitung
2. Begründung für die Teilnahme an einer lnternetkonferenz
3. Vorbereitung der Konferenz
4. Ablauf der Internetkonferenz
5. Erste Erfahrungen und Ausblick
1. Einleitung
Die Lebensumstände Jugendlicher sind weltweit durch direkte und strukturelle Gewalt geprägt: Von physischer Gewalt über Kinderarbeit bis zu vorenthaltenen Lern- und Entwicklungschancen reichen Formen von Gewalt. Der Austausch über ihre jeweiligen Lebenssituationen kann Kinder und Jugendliche für die Situation der anderen sensibilisieren und sie ermutigen, sich in der Bekämpfung dieser Missstände zu engagieren
Veranstaltet wurde die Internet-Konferenz "Ausbildung ist Zukunft" von der Kindernothilfe (www.kindernothilfe.de) anlässlich des Weltkindertages 1997. Jugendliche aus Swaziland, Uganda, Kenia, Sri Lanka, Indien und den Philippinen, die alle von der Kindernothilfe gefördert werden, nahmen daran teil sowie Jugendliche aus Nordrhein- Westfalen, Schleswig-Holstein und Bremen. Aus meiner Schule, dem Schulzentrum Rübekamp in Bremen, beteiligten sich die beiden Informatikkurse des Jahrgangs 11. Die Konferenzsprache war Englisch.
2. Begründung für die Teilnahme an einer lnternetkonferenz
Jugendliche leben in einem weltumspannenden Zusammenhang. Lebensbedingungen und Ereignisse im Norden wie im Süden können heute ohne den Blick auf den globalen Kontext kaum noch begriffen und bewältigt werden. So lassen sich u. a. soziale Missstände, Arbeitsmarktprobleme, Machtmissbrauch gegen Frauen und Umweltzerstörung nur noch international und nicht mehr ausschließlich regional lösen. Unabhängig vom Wohnort sind Jugendliche in einer Internet-Konferenz mit anderen Teilen der Erde verbunden. Pädagogen fordern seit Jahren ein "globales Lernen" im Unterricht. Die Internetkonferenz bietet in diesem Zusammenhang verschiedene Perspektiven. Schülerinnen und Schüler
- nehmen die Welt als Einheit wahr,
- werden angeregt, über ihren eigenen Lebensstil nachzudenken,
- entdecken in sich die Bereitschaft für soziales Engagement,
- lernen eine Starthilfe für Einrichtungen der Kindernothilfe in Übersee kennen und
- nutzen die bestehenden Internetanschlüsse an der Schule zu ihrem "Erkenntnisgewinn".
3. Vorbereitung der Konferenz
Ich unterrichtete 1997 sowohl den Informatikkurs Mädchen als auch den gemischten Informatikkurs (ein Mädchen, 16 Jungen). Mit der Teilnahme an der Internetkonferenz wollte ich den Informatikunterricht in Klasse 11 mit einem inhaltlich bedeutsamen Thema beginnen und gleichzeitig den Nutzen des technischen Systems Internets verdeutlichen.
In der ersten Informatikstunde lernte ich die Schülerinnen und Schüler kennen und konnte sie für die Internetaktion begeistern. Zunächst fertigten die Jugendlichen eine Selbstdarstellung ihres Kurses, ihrer Schule und ihrer Stadt an - selbstverständlich in englischer Sprache. Sodann wurden diese Selbstdarstellungen per E-Mail an die Kindernothilfe geschickt, die diese Informationen im Internet veröffentlichte. Da sich alle anderen Jugendlichen ebenfalls im Internet vorstellten, ließ ich die Selbstdarstellung der ausländischen Gruppen (M1: Aus der Selbstdarstellung der Inderin Sathy) arbeitsteilig auswerten. Daraufhin überlegten die Schülerinnen Schüler, mit welcher Gruppe sie am liebsten diskutieren wollten, informierten sich über das jeweilige Land und entwickelten Fragestellungen für den Chat.
4. Ablauf der Internetkonferenz
Am 18. und 19. September 1997 waren die ersten vor geplanten Konferenztage. Die Kindernothilfe hatte die Vorbereitung so getroffen, dass die Jugendlichen aus allen Ländern jeweils um 10.00 Uhr MEZ ihren Computern saßen.
10.00-11.00 Uhr, Plenum: Alle Gruppen treffen sich im Main-Chat-Room, begrüßen sich und versuchen, sich gegenseitig kennen zu lernen.
11.00-12.00 Uhr, Kleingruppenarbeit: Es werden viele Unter-Chaträume eingerichtet. Jeweils zwei oder drei Einrichtungen aus unterschiedlichen Kontinenten ziehen sich in dieser Pause in solch einen "Konferenzraum" zurück, um dort ungestört diskutieren zu können.
12.00-12.30 Uhr, Plenum: Abschließende Runde im Main-Chat-Room zu der Frage: Was verbindet euch mit den gleichaltrigen Jugendlichen im Ausland?
5. Erste Erfahrungen und Ausblick
Der vorgesehene zeitliche Ablauf erfuhr durch die Kindernothilfe eine Änderung. Denn die technischen Fertigkeiten reichten bei den meisten Jugendlichen nicht aus, um sich in einem Unterkonferenzraum zu treffen. Daher wurde der gesamte erste Tag dem gegenseitigen "Beschnuppern" sowie dem Erwerb technischer Fertigkeiten gewidmet. Die Absicht der Kindernothilfe war es auch, die Konferenz unmoderiert ablaufen zu lassen um die Jugendlichen nicht einzuschränken. Es stellte sich jedoch heraus, dass die Jugendlichen Hilfe brauchten, um niveauvoll zu diskutieren. Die Gespräche der Jugendlichen im Chatroom verflachten sehr schnell und es wurden zum Teil nur noch Belanglosigkeiten ausgetauscht.
Am zweiten Tag fanden teilweise sehr gehaltvolle und intensive Gespräche statt, weil die Verantwortlichen von der Kindernothilfe stärker (als Operatoren) in die Diskussion eingriffen (M2: Chat-Auszüge).
Zusätzlich gab es, wie es auch heute noch fast immer der Fall ist, eine Reihe technischer Probleme vor Ort sowie auch bei der Telekom. Wie die speziellen Probleme gemeistert wurden, soll uns hier jedoch nicht interessieren. Denn solche Probleme sind immer wieder ortsspezifisch neu und lassen sich nur schlecht verallgemeinern.
Trotz aller Schwierigkeiten war die Internetkonferenz für alle Beteiligten ein Erfolg. Die Schülerinnen und Schüler nahmen "hautnah" wahr, welche Gewaltprobleme in den anderen Ländern existieren. Sie waren teilweise sehr betroffen und erkannten auch kulturelle Hintergründe als Ursache. Sie wurden insgesamt sehr nachdenklich.
Aus den Erfahrungen ergab sich, wie Chats inhaltlich vorzuplanen und zu organisieren sind. Und auch die Kindernothilfe lernte aus dieser ersten Internetkonferenz: Die nächsten Konferenzen wurden straffer vorbereitet, es gab Fotoseiten und es wurde mit Mailing-Listen gearbeitet. Inzwischen sucht die Kindernothilfe in der Regel für ihre Internetkonferenzen einen speziellen Anlass (z. B. Weltkindertag) und sie arbeitet mit verschiedenen Kooperationspartnern zusammen. Um weder Schüler noch Lehrer zu überfordern, werden jetzt eher niederschwellige Themen für eine Konferenz gewählt. Wer das Thema und den Termin der nächsten Konferenz erfahren möchte, kann sich an Sascha Decker wenden: sascha.decker@knh.de.
Keywords: Unterrichtsmethoden, Methoden, Lehr-Lern-Methoden, Politikunterricht, Sozialkunde, Politikdidaktik, politische Bildung
Übersicht: Literaturhinweise + online - Dokumente
Übersicht: online - Dokumente
© 2008 sowi-online e.V., Bielefeld
Verantwortlich für diese Seite: Reinhold Hedtke
WWW-Präsentation: Norbert Jacke
Bearbeitung: André Schöne
Veröffentlichungsdatum: 22.12.2008
URL des Dokuments: http://www.sowi-online.de/methoden/dokumente/internet_reder.html
