Multimedia im Geschichtsunterricht? Fragen, Kriterien und vorläufige Ergebnisse eines CD-ROM-Projektes zur Geschichte der europäischen Industrialisierung
Das Thema dieses 1997 geschriebenen Beitrags behandelt der Verfasser auch in:
"Lebens- und Arbeitsbedingungen im Zeitalter der Industrialisierung. Ein internationales
CD-ROM-Projekt" in der Zeitschrift Computer und Unterricht 30, 8. Jg. (1998),
S. 42-45.
(c) 2001 Heinrich Pingel-Rollmann
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Heinrich Pingel-Rollmann
Inhalt
Kriterien und deren Umsetzung
Technische und personelle Voraussetzungen für die Entwicklung und Produktion von multimedialer Lernsoftware
Personelle, technische und organisatorische Voraussetzungen für den schulischen Einsatz von CD-ROMs zur Geschichte
Bisherige Erfahrungen und vorläufige Ergebnisse
Anmerkungen
Zum Verfasser
Angesichts der seit einiger Zeit vorhandenen Möglichkeiten, die die Neuen Informations- und Kommunikationstechnologien bieten, stellt sich auch für die Schule im allgemeinen und den Geschichtsunterricht im besonderen die Frage, ob und wie auf diese Herausforderung reagieren werden soll. Die gesamte Bandbreite der unterschiedlichen Meinungen dazu wird einerseits durch Hartmut von Hentig verkörpert, der in seinem neuesten Essay Bildung sein erstes Kapitel mit der folgenden These beginnt: "Die Antwort auf unsere behauptete oder tatsächliche Orientierungslosigkeit ist Bildung - nicht Wissenschaft, nicht Information, nicht die Kommunikationsgesellschaft, nicht moralische Aufrüstung, nicht der Ordnungsstaat." (1) Diese Ablehnung u.a. der Neuen Medien teilt dagegen die Bildungskommission NRW in ihrer Denkschrift Zukunft der Bildung . Schule der Zukunft nicht, wenn es in dem Kapitel Lernen in der Informationsgesellschaft heißt: "Schulisches Lernen wird künftig immer stärker Lernen in einer von Medien bestimmten Welt sein." (2) Nicht ganz zu Unrecht stellt Ulrich Schnabel zu Beginn der in der Zeit im April d. J. begonnenen Diskussion zur Frage "Was sollen Kinder in der Medienwelt lernen?" fest: "Schöne neue Medienwelt. Kaum irgendwo sonst klingen die Versprechen so vollmundig, erscheint die (Bildungs)Zukunft so strahlend". (3)
Sollen trotz dieser grundsätzlich kritischen Fragestellung nicht die Augen vor den Schlüsseltechnologien unserer Epoche und deren Integration in die Schule verschlossen werden, so gilt es, Überlegungen zur Entwicklung von multimedialer Lernsoftware (4) im Fach Geschichte anzustellen, diese im Rahmen von Pilotprojekten konzeptionell zu entwerfen und technisch umzusetzen, um anschließend die beim Einsatz gewonnen Erkenntnisse auszuwerten. Dies soll jedoch nicht unter der Prämisse stattfinden, daß das Einbeziehen von multimedial aufbereiteten Lerninhalten sozusagen automatisch ein mehr an Bildung bedeutet, sondern es wird darauf ankommen, sehr genau die Vor- und Nachteile des Verwendens von CD-ROMs im historisch-politischen Unterricht zu überprüfen. Dabei dürfen die personellen, technischen und organisatorischen Voraussetzungen eines didaktisch sinnvollen Einsatzes von Lernsoftware nicht außer Acht gelassen werden. Ebenso gilt es, die Erfahrungen von Wissenschaftlern und Pädagogen anderer Länder mit dem Einsatz computerunterstützter Unterrichtsmaterialien zu berücksichtigen. (5)
Nicht nur die geschichtsdidaktische Diskussion seit Beginn der Achtziger Jahre hat dafür plädiert, (6) sondern auch die konkreten Erfahrungen des vergangenen Jahrzehnts haben gezeigt, dass Schülerinnen und Schüler eher für Geschichte zu interessieren sind, wenn die lokal- und regionalgeschichtlichen Ereignisse und Prozesse im Unterricht untersucht werden. und dabei der "Lernort Archiv" im zunehmenden Maße entdeckt wird, um forschendes und entdeckendes Lernen zu fördern. (7) Auf diesem Hintergrund ist die Entscheidung einer Arbeitsgruppe von Lehrern und Archivaren zu sehen, im Rahmen des Modellversuchs "Computerunterstützte Unterrichtsmaterialien aus dem Lernort Archiv" (CULA) seit dem Jahr 1995 Geschichte "vor Ort" multimedial aufzubereiten und diese dann den Schulen, darüber hinaus aber auch einer lokalgeschichtlich interessierten Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. (8) Erstes vorläufiges Ergebnis dieser von der Bezirksregierung Detmold und dem Kreis Herford sowohl technisch als auch personell unterstützten Projektes war eine Mitte 1996 vorgelegte Demonstrationsversion einer CD-ROM mit dem Titel "Als die Amerikaner kamen... Kriegsende und Befreiung in Stadt und Landkreis Herford 1945" (9).
- Inhaltlicher Schwerpunkt dieses multimedialen Modellversuchs ist jedoch die Geschichte des 19. Jahrhunderts im europäischen Vergleich. Mit Colleges bzw. Schulen in Irland, England und Polen (10) sowie kooperierenden Archiven, Museen und Bibliotheken wird, basierend auf lokalgeschichtlichen Quellen, ein elektronisches Buch mit dem Titel "Living and Working Conditions in the Age of Industrialisation - Common European and Regional Perspectives" entwickelt und erprobt. Das bis Mitte 1998 andauernde Pilotprojekt hat weiterhin zum Ziel, ein Teil der historischen Dokumente im Internet zu speichern und so ein Europäisches Klassenzimmer (11) einzurichten, in dem sich Schülerinnen und Schüler bzw. Studentinnen und Studenten z.B. über die Geschichte der Industrialisierung in den vier am Projekt beteiligten Ländern On-Line informieren und per E-Mail austauschen können. Der dritte Aspekt dieser von der Europäischen Gemeinschaft durch die Sokrates-Programme Comenius und Open and Distance Learning (ODL) (12) finanziell unterstützen Kooperation ist die Verbreitung der Erfahrungen, vor allem in Form von Lehrerfortbildungen.
Zu Beginn der Projektarbeit im Jahr 1995 wurden von der CULA-Arbeitsgruppe zunächst eine Reihe von erkenntnisleitenden Fragestellungen diskutiert (13), die es im Verlauf des Projektes gilt zu beantworten. Neben dem eingangs bereits beschriebenen Interesse an einer Antwort auf die Frage nach den Vor- und Nachteilen der Verwendung von multimedialer Lernsoftware im Geschichtsunterricht handelt es sich dabei um:
- Sind diese neuen computerunterstützten Unterrichtsmaterialien wirklich lerneffizienter als die traditionellen, wie z.B. das Buch?
- Wie ändert sich die Rolle der Lehrerinnen und Lehrer? Werden sie zukünftig mehr als Wissensvermittler oder Moderatoren von Lernprozessen tätig sein?
- Welche neuen Aufgaben kommen bei dieser Art der Wissensvermittlung auf die Lehrkräfte zu? Welche Hemmungen müssen abgebaut werden, welche Kenntnisse vermittelt werden? Welche Auswirkungen hat dies für die Lehreraus- und -fortbildung?
- Ist ein individuelles und selbstbestimmtes Lernen, unabhängig von Raum und Zeit, möglich oder werden die Schüler mehr daran interessiert sein, mit den elektronischen Medien zu spielen?
- Wie verändert sich die Schülerrolle? Welche intellektuellen und technischen Fähigkeiten benötigen sie, um die umfangreichen Informationen verarbeiten zu können? Inwiefern ist es notwendig, zunächst einmal 'navigieren' zu lernen?
- Ist eine computergesteuerte Lernzielkontrolle überhaupt möglich. Wie könnte diese konkret aussehen?
- Bietet eine CD-ROM die Chance, durch die Verknüpfung von Texten, Bildern, Audio- und Video-Dateien Schülerinnen und Schüler mehr als der herkömmliche textorientierte Unterricht für die Beschäftigung mit Geschichte zu motivieren?
- Kann multimediale Lernsoftware in der Vor- bzw. Nachbereitung eines Besuches im Lernort 'Archiv' sinnvoll integriert werden?
- Können die computerunterstützten Unterrichtsmaterialien, die sinnliche und emotionale Erfahrung ersetzen, eine Originalquelle in der Hand zu halten oder ein Interview mit einer Zeitzeugin zu führen?
- Gibt es eine Möglichkeit, den Lernprozess der Schüler bei der Arbeit mit einer CD-ROM oder dem Surfen im Internet zu kontrollieren und diesen mit ihnen zu diskutieren.
- Was sind die technischen und organisatorischen Voraussetzungen, um im Geschichtsunterricht mit CD-ROMs bzw. dem Internet zu arbeiten?
Auch wenn wir uns darüber im klaren sind, dass wir im Rahmen dieses Modellversuchs nicht in der Lage sein werden, sämtliche Fragen bis ins Detail zufriedenstellend zu beantworten, so ist die Diskussion dieser Fragen elementar für die Entwicklung und Erprobung multimedialer Lernsoftware im Fach Geschichte, da das Fach erst am Anfang eines Prozesses steht, der das Unterrichten zwar nicht revolutionieren, aber doch z.T. verändern wird.
Kriterien und deren Umsetzung
Ausgehend von den einleitenden Fragestellungen und einer kritischen Analyse der zunehmenden multimedialen Lernsoftware, wie sie auch u.a. von Hartmann Wunderer und Christoph Magar veröffentlicht wurden (14), haben wir auf Arbeitskonferenzen im November 1995 in Castlebar/Irland und im Juni 1996 in Herford Kriterien für pädagogisch sinnvoll einzusetzende computergestützte Unterrichtsmaterialien im allgemeinen und im Fach Geschichte im besonderen diskutiert und entwickelt. (15) Unsere Hauptthese lautet dabei: Das elektronische Buch (CD-ROM) muß alles das bieten können, was ein herkömmliches Geschichtsbuch oder eine didaktisch aufbereitete Quellensammlung auch besitzt, nur außer Texten und Bildern sollten Tonbeiträge und Videopassagen enthalten sein, die zudem in Form eines Hypertextes (16) miteinander verbunden sind, und der Benutzer so in sekundenschnelle die unterschiedlichsten Informationen abrufen, miteinander verknüpfen und interaktiv verarbeiten kann.
Die Verbindung von Text- und anderen -dateien ist deshalb notwendig, damit die Ereignisse und Prozesse auf der örtlichen Ebene mit der auf der nationalen und darüber hinaus auf der europäischen Ebene miteinander verbunden werden können. Die Hyperlinks, d.h. die Verknüpfung von Bildern, Texten und Tönen durch den Maus-Klick auf sensitive Felder, sind eine sehr gute Möglichkeit, die historische Mikro- mit der Makroebene zu verknüpfen. In unserem speziellen Fall wird der Bau der Köln-Mindener-Eisenbahn und deren Eröffnung im Jahr 1847 in einem Zusammenhang mit der Entwicklung des Eisenbahnwesens in Deutschland allgemein und in England gestellt. (17)
Ein weiteres Beispiel für die Integration von historischer Quelle und akustischen Reizen ist im Kapitel über Streiks und Arbeitskämpfe enthalten. Hier haben die Benutzer nicht nur die Möglichkeit, einen Zeitungsaufruf zur Teilnahme an der 1.-Mai-Feier zu studieren, sondern durch das Anklicken der Audio-Ikone am unteren Rand des Bildschirmes kann das sozialdemokratische Lied "Brüder zur Sonne, zur Freiheit" gehört werden. Damit besteht die Chance, dass historisches Lernen nicht nur im kognitiven Bereich stattfindet, sondern auch im affektiven Bereich unterstützt wird.
Neben kurzen Einführungen und Erläuterungen zu den einzelnen Kapiteln und Quellen, die sowohl in gedruckter als auch gesprochener Form erfolgen, sollten vor allem Arbeitsfragen zu den einzelnen Dokumenten vorhanden sein. Dies bedeutet nun nicht, dass die Schülerinnen und Schüler sich bei der Bearbeitung sklavisch daran halten müssen, sondern es geht vielmehr darum, dem weit verbreiten Drang zum Spielen mit der Computer-Maus, zum Hin- und Herhüpfen von einem optische Reiz zum anderen, an das die heutige Schülergeneration durch die schnelle Abfolge von Bildern in den Videoclips oder das Hin- und Herschalten von einem Fernsehprogramm zum anderen gewöhnt ist, entgegenzuwirken. Damit soll in Übereinstimmung mit Astrid M. Wissenburg dafür gesorgt werden, dass die Arbeit mit einem multimedialen Lernprogramm zu einer "real learning experience for students as opposed to mere browsing or even getting lost in 'hyperspace'" wird. (18)
Zwar hat das 'Zapping' den Vorteil, das die einzelnen Lernschritte bezüglich des Tempos und der Inhaltsauswahl stärker als bisher individualisiert werden (19), soll jedoch eine wirkliche Auseinandersetzung mit der historischen Quelle stattfinden, so muß daraus folgernd auch die Möglichkeit vorhanden sein, sich Notizen zu den wahlweise auf dem Bildschirm sichtbaren Fragen zu machen oder eigene Kommentare festzuhalten. Ergebnisse der Hausaufgabe, der Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit während der Unterrichtsstunde können so dokumentiert und im Klassenverband diskutiert werden. Insofern ist nicht nur ein mit einer Bildlaufleiste vesehenes kleines Schreibfeld sinnvoll, sondern für die Anfertigung von Referaten empfiehlt es sich, ein den ganzen Bildschirm umfassendes Textfeld einrichten zu können, in das einzelne Dokumente bzw. Passagen daraus sowie Bilder in den eigenen Text integriert werden. Die nächste sich davon ableitende Anforderung ist die Möglichkeit, sich die eigenen Arbeitsergebnisse ausdrucken zu lassen, wobei in einigen Jahren sowohl die technischen Voraussetzungen in Form von integrierten CD-Brennern als auch die entsprechenden Software-Kenntnisse bei Schülerinnen vorhanden sein werden, um sich multimediale Referate oder Dokumente selber anzufertigen.
Neben diesen mehr auf die tatsächliche Auseinandersetzung mit den historischen Quellen ausgerichteten Anforderungen kommt es darauf an, multimediale Lernsoftware so zu konzipieren, dass die Benutzer sich nicht in der enormen Datenmenge verlieren. Die Navigation, d. h. das Zurechtfinden in dem Programm, muß sowohl linear als auch hierarchisch möglich sein. (20) Dies hat zur Folge, dass in unserer am unteren Rand des Bildes sich befindlichen und dauerhaft sichtbaren Menuleiste nicht nur Ikonen für die weiter oben beschrieben Fragen zum Text, zum Ausdrucken, Notizen machen, sondern auch für das Vorwärts- und Rückwärtsblättern im Buch sowie die Eingangsseite vorhanden sind. Ebenso selbstverständlich ist eine sogenannte "Home"-Funktion, die es den Benutzern erlaubt, zur vorherigen Quelle direkt zurückzukehren, die ja nicht immer mit der vorangegangenen Seite im elektronischen Buch übereinstimmen muß. Diese Standardfunktionen neben denen zum Anhalten von Video- oder Tonsequenzen reichen allerdings nicht aus. Vielmehr sollten, ausgehend von der Konzeption eines klar gegliederten Buches, die verschiedenen Hierarchieebenen miteinander verbunden sein.
Außer der Zugriffsmöglichkeit über die bereits beschriebene detaillierte Inhaltsübersicht ist es ratsam, eine Zeitleiste im Programm integriert zu haben, die zunächst einen kurzen Überblick als ersten Einstieg in die Thematik gewährt, aber auch historisch-politische mit ökonomisch-technischen und kulturellen Aspekten verbindet und mit Hilfe von Hyperlinks einen direkten Zugriff auf einige ausgewählte Begriffe ermöglicht. Darüber hinaus ist die Informationsbeschaffung mittels eines traditionellen Orts-, Namens- und Sachregisters hilfreich, die wir, erweitert durch eine Aufzählung der Bild- und Videodateien, in Gestalt einer Archiv-Ikone gewährleisten.
Soll eine Geschichts-CD-ROM nicht nur einen verkürzten chronologisch-ereignisgeschichtlichen, unwissenschaftlichen Überblick auf schmaler Datenbasis bieten (21), sondern wissenschaftspropädeutisch orientiert sein, so sind außer Primär- und Sekundärquellen nebst entsprechender Quellenangaben auch eine auf dem neuesten Stand befindliche Literaturliste den Schülerinnen und Schülern bereitzustellen. Gerade wegen der enormen Speichermöglichkeit einer CD-ROM mit mehr als 650 Megabyte bietet es sich an, daß auch wissenschaftliche Kontroversen dargestellt werden. Dies gilt auch für die Einbeziehung literarischer Texte aus der jeweiligen historischen Epoche, wie es in dem interdisziplinären Lower Manhattan Project verwirklicht wurde. (22) Dies hat allerdings zu Folge, dass sie eine Vielzahl von Genehmigungen zum Abdruck eingeholt werden müssen.
Haben wir es mit historischen Quellen zu tun, die älter als 50 Jahre sind, so empfiehlt es sich, eine Transkription- Ikone zu besitzen, die per Maus-Klick z.B. die für unsere heutige Schülergeneration lesbare Fassung des Berichtes des Herforder Bürgermeisters über einen Streik der Eisenbahnarbeiter aus dem Jahre 1846 oder das Rezept für das Backen eines Marzipanbrotes aus den 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts auf dem Bildschirm erscheinen läßt. Wünschenswert ist auch, dass ein Sütterlin-Lernprogramm auf der CD-ROM gespeichert ist. Weiterhin sollte eine Lernerfolgskontrolle im Programm vorhanden sein, die nicht nur das Ergebnis speichert, sondern auch Hinweise gibt, an welcher Stelle des elektronischen Buches nachgelesen, 'nachgehört' oder 'nachgeschaut' werden kann. In diesem Zusammenhang sei auch auf die Einrichtung einer Volltextsuche erinnert.
Ein zentraler Aspekt bei der Formulierung von didaktisch-pädagogischen Anforderungen, die an zu entwickelnde multimediale Unterrichtssoftware zu stellen sind, ist der der Protokollierung des Lernprozesses. Dabei geht es nicht in erster Linie um eine Kontrolle des Schülers in der Selbstlern- oder Gruppenarbeitsphase, sondern vielmehr sollen durch das Anklicken der entsprechenden Ikone die verschiedenen Dateien aufgelistet werden, damit zwischen dem Lehrer und Schüler eine Diskussion darüber geführt werden kann, welchen navigatorischen Weg er eingeschlagen hat, um seine Informationen zu erhalten, und ob es nicht noch Alternativen dazu gegeben hätte. Dieser Punkt scheint uns auch deshalb so wichtig zu sein, damit die Lehrer ihre zunehmend beratende Funktion beim selbst bestimmten und selbst organisierten Lernen wahrnehmen können.
Wenn es innerhalb der Geschichtsdidaktik mittlerweile unumstritten ist, daß dem entdeckenden und forschenden Lernen eine zentrale Rolle zukommt, so muß auch an multimediale Lernsoftware die Frage gestellt werden, inwiefern sie dazu beitragen kann, Geschichte 'vor Ort' zu erkunden. Zunächst einmal soll die CD-ROM inhaltlich und graphisch so gestaltet sein, das sie Interesse weckt, eigenständig tätig zu werden. Dies kann generell durch Besuche im örtlichen Archiv oder Museum, aber auch durch die Befragung von Zeitzeugen umgesetzt werden. Ziel dabei ist es, die Ergebnisse der eigenen Forschungstätigkeit projektorientiert den Mitschülern, der Schulöffentlichkeit oder lokalgeschichtlich Interessierten vorzustellen. Bezogen auf elektronische Geschichtsbücher kann das z.B. heißen, dass dort didaktisch-methodische Anleitungen und Anregungen zum entdeckenden und forschenden Lernen bzw. zur Oral History enthalten sind. Darüber hinaus sollten Schülerinnen und Schüler befähigt werden, eigene multimediale Module zur lokalen Geschichte z.B. der Industrialisierung, der NS-Machtergreifung oder der Nachkriegszeit zu entwickeln und diese dann entweder auf einer z.T. wieder beschreibbaren bzw. einer leeren CD-ROM mit Hilfe entsprechender Software zu speichern.
Ebenso sollte nicht vergessen werden, einen Bezug zur Lebens- und Erfahrungswelt der Schülerinnen und Schüler herzustellen. Soll die Beschäftigung mit Geschichte kein Selbstzweck sein, sondern den Jugendlichen helfen, "ihre Rolle in einer auf Partizipation angelegten Gesellschaft zu finden", (23) so ist sowohl in den Geschichtsbüchern als auch im Unterricht der Gegenwartsbezug herzustellen.. Im Falle des Vergleichs der Lebens- und Arbeitsbedingungen im Zeitalter der europäischen Industrialisierung im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit denen an der Wende zum zweiten Jahrtausend geht es nicht um eine undifferenzierte Übertragung von historischen Prozessen und Strukturen, jedoch ist die Frage zu stellen, wie die Menschen damals mit technologisch-sozialen Umbruchsituationen fertig geworden sind und welche Lösungsmöglichkeiten es heute angesichts einer weit verbreiten Massenarbeitslosigkeit und schwindender beruflicher Perspektive besonders unter Jugendlichen gibt. Aus diesem Grunde haben wir jeweils ein Unterkapitel, das sich mit den heutigen Lebensbedingungen und Arbeits- bzw. Ausbildungsbedingungen in den am Projekt beteiligten Ländern beschäftigt. Dies kann - genau wie in der Zeit der Industrialisierung - den Blick auf die Gemeinsamkeiten richten, aber auch Unterschiede aufzeigen. Sollte dabei unter den Jugendlichen die Erkenntnis wachsen, dass wir trotz bestehender kultureller, ökonomischer und technologischer Unterschiede gemeinsame Bewohner des europäischen Hauses sind, die trotz noch vorhandener Vorurteile die vor uns stehenden Probleme gemeinsam und nicht wie unsere Väter und Großväter kriegerisch lösen sollten, so kann vielleicht auch multimediale Lernsoftware mit der Speicherung unterschiedlicher Medien und einer Vielzahl von Informationen dazu beitragen, die Probleme des 21. Jahrhunderts friedlich zu lösen.
Neben diesen allgemeinen Kriterien für eine im und außerhalb des Unterrichts produktiv einsetzbare Lernsoftware, kommen im Falle der von uns entwickelten CD-ROM zur europäischen Industrialisierung aufgrund des multinationalen Charakters noch einige weitere Aspekte hinzu: Zum einen muß gewährleistet sein, daß z.B. irische Benutzer zwar keine komplette Übersetzung der polnischen Dokumente zur Verfügung gestellt bekommen, jedoch müssen zumindest die Überschriften und die Einführungs- bzw. Erläuterungstexte zu den einzelnen Quellen per Mausklick in englischer Sprache auf dem Bildschirm erscheinen. Des weiteren muß die Möglichkeit gegeben sein, mit Hilfe von Hyperlinks zwischen den vier nationalen Kapiteln zur Industrialisierung Europas in sekundenschnelle zu wechseln, um z.B. die Gemeinsamkeiten der Entwicklung in den Regionen Manchester und Lodz bzw. die Sonderentwicklung Irlands erkennen und diskutieren zu können. Im Falle unserer CD-ROM zeigt eine Ikone, in welchem Kapitel der Benutzer sich z.Zt. befindet und durch Anklicken erscheinen auf dem Bildschirm drei weitere 'buttons' mit Kurzbezeichnungen für die am Projekt beteiligten Städte, die dann wiederum ausgewählt werden können.
Technische und personelle Voraussetzungen für die Entwicklung und Produktion von multimedialer Lernsoftware
Was vor zwei oder drei Jahren noch nahezu undenkbar war, die Entwicklung von multimedialer Lernsoftware für den Geschichtsunterricht nicht durch Verlage, sondern durch Lehrerinnen und Lehrer, wird aufgrund der Entwicklung im Hardware- und Software-Bereich in der nahen Zukunft kein Wunschdenken mehr bleiben. In Ergänzung zu den bisher üblichen gedruckten, auf Texten und Fotos basierenden Quellensammlungen werden selbsterstellte multimediale Unterrichtsmaterialien eingesetzt werden. Zum einen sind die dafür notwendigen Speicherkapazitäten der Festplatten im rasanten Tempo gewachsen, stellen kein finanzielles Problem mehr dar (24), ebenso ein relativ großzügiger Bildschirm mit 17 Zoll, von den Kosten für eine multimediale Computerausstattung mit Soundkarte und CD-ROM-Laufwerk ganz zu schweigen. Das Digitalisieren von Texten und Fotos erfolgt mit Hilfe eines Scanners. Für die Aufzeichnung von Audio-Dateien kommt noch ein Kassetten- bzw. CD-Recorder hinzu sowie für Ausschnitte von Videofilmen ein Videorecorder. Will man die Ergebnisse nicht nur auf der Festplatte gespeichert haben, so wird noch ein CD-Brenner nebst CD-Rohling benötigt.
Schwieriger stellt sich dagegen noch die Situation bei den Autorenprogrammen dar, mit denen die CD-ROMs geschrieben werden. Zwar bietet das von uns benutzte Autorensystem Toolbook (Version 4.0) ein auch für Nicht-Informatiker relativ leicht zu erlernendes Übungsprogramm, doch die Entwicklung und Produktion umfangreicher multimedialer Lernsoftware bedarf der fächerübergreifenden Zusammenarbeit von Informatik-, Mathematik- oder Physiklehrern und Geschichtslehrern. Denkbar ist allerdings auch, dass im Rahmen einer Arbeitsgemeinschaft oder des Wahlpflichtbereiches auch Schülerinnen und Schüler in projektorientiert Lokalgeschichte erforschen und gleichzeitig die Ergebnisse multimedial präsentieren. Trotz dieser Zukunftsmusik darf nicht davor die Augen verschlossen werden, dass z.Zt. die Erstellung einer CD-ROM, die über den Umfang einiger Texte, verbunden mit Fotos und vielleicht einer oder zwei Audiodateien inhaltlich hinausgeht, noch eine zeitlich äußerst umfangreiche Tätigkeit ist, die ohne entsprechende Stundenentlastung nicht durchführbar ist. Bei der Arbeit an solchen Projekten sollte auch ein Augenmerk darauf gerichtet werden, dass innerhalb der Teams nicht Erbhöfe entstehen, wobei die eine Kollegin für die Technik und die andere für den inhaltlichen, historischen Teil zuständig ist. Vielmehr geht es darum, über den eigenen fachspezifischen Tellerrand hinauszuschauen und sich Grundkenntnisse der jeweils anderen Disziplin anzueignen. Dieses Vorgehen setzt sich etwas von dem englischen Projekt ab, in dem die Historiker den Informatikern die Aufträge gaben. (25) Mittelfristig müßte es das Ziel sein, dass Lehrerinnen und Lehrer mit gesellschaftswissenschaftlichen Fächern eigenständig multimediale Unterrichtsmaterialien erstellen können.
Personelle, technische und organisatorische Voraussetzungen für den schulischen Einsatz von CD-ROMs zur Geschichte
Zwar ist es wünschenswert, dass in den nächsten Jahren sowohl in der Bundesrepublik als auch europaweit eine Vielzahl von Modelle versuchen zur Entwicklung von multimedialer Lernsoftware in Geschichte durchgeführt werden, die oben beschriebenen technischen und personellen Voraussetzungen sollten jedoch nicht abschreckenden Charakter haben. Vielmehr geht es für die Mehrheit der Kolleginnen und Kollegen im Fach Geschichte um die Frage, ob sie bereit sind und sich trauen, den Pfad des traditionellen Unterrichtens in Gestalt von Quelleninterpretation bei gelegentlichem Einsatz einer Tonkassette oder eines Videofilmes zu verlassen. Es sei dahingestellt, ob wir in diesem Zusammenhang von einer Lost Generation von Geschichtslehrerinnen und Geschichtslehrern sprechen können, die aufgrund ihrer lang zurückliegenden Ausbildung und fortgeschrittenen Dienstalters nicht mehr für die Auseinandersetzung mit der, vereinfacht ausgedrückt, Computerwelt begeistert werden kann und ob dies Problem sich insofern im Laufe der Zeit lösen wird.
In den von uns seit September 1996 regional und überregional durchgeführten Fortbildungsveranstaltungen zum Einsatz von Multimedia und Internet im Geschichts- und Politikunterricht wurden im Sinne einer Bestandsaufnahme von den Kolleginnen und Kollegen vor allem folgende Aspekte genannt (26), die dem Einsatz von multimedialer Lernsoftware in den genannten Fächern im Wege stehen: Am häufigsten wurde die mangelnde Ausstattung der Schulen mit Multimedia-Computern kritisiert, was angesichts der viel beschworenen leeren öffentlichen Kassen auch nicht von der Hand zu weisen ist. Ein im Rahmen der Aktion "Schulen ans Netz" angeschaffter Rechner, der zudem noch möglicherweise vom Informatiklehrer unter Verschluß gehalten wird, wird nicht dazu führen, daß Kolleginnen und Kollegen, die sowieso mit einer gewissen Skepsis behaftet sind, CD-ROMs im Fach Geschichte einsetzen werden.
Ein zusätzliches Manko wurde darin gesehen, dass es noch keine konkreten Vorschläge gibt, wie die multimediale Lernsoftware im Unterricht didaktisch-methodisch sinnvoll einzusetzen ist. Neben der Forderung nach einer Aufhebung des 45-MinutenTaktes wurden weiterhin u.a. dass Aufsichtsproblem bei der selbständigen Arbeit am Computer und der große Zeitaufwand in der Vorbereitung sowie die Gefahr, dass die Schülerinnen einen Wissensvorsprung in der Handhabung der Neuen Technologien haben, genannt.. Damit bestätigen sich auch Beobachtungen, die u.a. von Charles Butler in Großbritannien gemacht worden. (27)
Soll Multimedia in geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächern im breiteren Maße im Unterricht zum Einsatz kommen, so ist zunächst die Forderung aufzustellen nach einem mit mehreren multimediafähigen Computern ausgerüsteten Selbstlernzentrum für die eigenständige Schülerarbeit, der auch außerhalb der regulären Schulzeit zugänglich ist und gleichzeitig Zugang zum Internet bietet. Dies ist auch nötig, damit Schülerinnen und Schüler, unabhängig vom Geldbeutel ihrer Eltern, sich Wissen auf dem neuesten technologischen Stand aneignen können. Für den Einsatz vor der gesamten Klasse, z.B. in einer Motivations- oder Vertiefungsphase, sollte in der Schule zumindest ein beweglicher Multimedia-Computer vorhanden sein, der, kombiniert mit einem Display oder einem Beamer, die Text-, Bild, Audio- und Videodateien auf eine Leinwand überträgt und Geschichte lebendiger erscheinen läßt. Noch sinnvoller wäre die Einrichtung einer Medienecke mit einer Handbibliothek und einem Multimedia-Computer. (28)
Neben diesen technischen Voraussetzungen erscheint uns aber von besonderer Bedeutung zu sein, unter Kolleginnen und Kollegen die Bereitschaft und Fähigkeit zu entwickeln, sich mit den neuen Unterrichtsmaterialien auseinanderzusetzen. Der effektive Einsatz der Neuen Technologien im Geschichtsunterricht müßte in der ersten Phase der Lehrerausbildung in Seminaren vorbereitet werden, um Berührungsängste erst gar nicht erst entstehen zu lassen. Dies gilt auch für die Ausbildung in den Studienseminaren. Darüber hinaus ist aber in Übereinstimmung mit Linda Roberts vor allem ein Inservice training für bereits in der Schule tätige Kolleginnen und Kollegen anzubieten. (29) Dies kann in Form von regionalen Fortbildungsveranstaltungen erfolgen, in denen der Schwerpunkt auf didaktisch-methodische Fragestellungen Wert gelegt und Unterrichtssoftware vorgestellt wird. Als erster Schritt ist vielleicht jedoch eine schulinterne Fortbildung wichtiger, in der Geschichtslehrerinnen und -lehrer durch ihre Informatikkolleginnen und -kollegen in der Handhabung und Bedienung von Computern eingewiesen werden. Die an der Wilhelm-Normann-Kollegschule Herford damit gemachten Erfahrungen bestätigen, dass dieses Angebot gern angenommen wird.
Sind die persönlichen Voraussetzungen bei Schülern und Lehrern vorhanden, ebenso die technischen und organisatorischen, so lassen sich CD-ROMs zur Geschichte folgendermaßen verwenden: in der häuslichen Unterrichtsvorbereitung sowie zur Vervielfältigung von Originalquellen und Sekundärliteratur als Klassensatz mit Hilfe eines Druckers; als Hausaufgabe oder zum Erstellen eines Referates, im Unterricht als Arbeitsauftrag für Einzel, Partner- oder Gruppenarbeit bzw. vor der gesamten Klasse.
Bisherige Erfahrungen und vorläufige Ergebnisse
Da wir uns mit unserem CULA-Projekt auf absoluten Neuland befinden, zumindest was die nichtkommerzielle Entwicklung von multimedialer Lernsoftware im Fach Geschichte angeht, haben wir bisher noch viel mehr Fragen als fertige Antworten. Was die Entwicklung der CD-ROM angeht, so hat sich herausgestellt, dass die Konzeptionsphase die entscheidende ist, in der das Drehbuch , der Hypertext, diskutiert und geschrieben werden muß. Ausgehend von den unterrichtlichen Erfordernissen, muß die inhaltliche Struktur, die Verknüpfung der verschiedenen historischen Dokumente, der europäischen, mit der nationalen und der lokalen Ebene diskutiert und festgelegt werden. Noch zeitaufwendiger war es jedoch eine wirkliche Interaktivität und ein schnelles und eindeutiges Zurechtfinden zu gewährleisten, daß den Schülern ein selbständiges und schnelles Arbeiten erlaubt. Dabei stellte sich auch heraus, daß die europäische Zusammenarbeit von Vorteil für alle beteiligten Partner war. Während die Colleges in England und Irland ihre Erfahrungen auf dem Gebiet der Informationstechnologien einbrachten, insbesondere der Digitalisierung von Videofilmen, versucht die Herforder Arbeitsgruppe pädagogische Aspekte in die gemeinsame Diskussion einzubringen.
Die zugegebenermaßen geringe Erprobung der von uns entwickelten Software hat bisher einige Vermutungen bestätigt, andere dagegen nicht verifiziert. Nachdem ein zwölfjähriger Junge auf dem Geschichtsfest des Kreises Herford im Jahr 1995 mit der Computer-Maus von einer Seite des elektronischen Buches zur anderen in gewohnt lässiger Manier hin- und hergeklickt hatte, schrieb er: "Ich finde es interessant, in diesen alten Briefen zu lesen" (30) Dabei tauchte schon die Frage auf, ob dies nicht "orientierungslos" war und eher die Spielkultur und das Spielinteresse als der historische Inhalt im Vordergrund stand. (31) Diese Erfahrungen gerade zu Beginn des Projektes machten uns deutlich, daß es nicht um die Konzeption eines historischen Computerspiels gehen kann, sondern um die didaktisch durchdachte interaktive Verknüpfung von historischen Quellen.
Zum Glück bewahrheiteten sich die anfänglichen Befürchtungen bezüglich des Spieltriebes nicht, Schülerinnen und Schüler der Jahrgangsstufen 9, 10, 12 und 13, die sich im Rahmen eines Archivbesuches im Kommunalarchiv Herford entweder mit der CD-ROM "Als die Amerikaner kamen..." oder "Lebens- und Arbeitsbedingungen im Zeitalter der Industrialisierung" beschäftigten, setzten sich konzentriert mit dem historischen Material auseinander. Im Verhältnis zu ihren Mitschülerinnen, die jeweils einige Originalquellen auswerteten, hoben sie hervor, dass sie schnell einen Gesamtüberblick über die Thematik bekommen hätten, was auch in den Abschlußdiskussionen festzustellen war. Eine Gruppe von Schülerinnen der Jahrgangsstufe 13 wählte z.B. innerhalb einer anderthalbstündigen Beschäftigungszeit Dokumente zur Entnazifizierung, zum Werwolf, zum Hamstern und zur Wiedergründung der Sportvereine in einer benachbarten Kleinstadt aus. So waren sie eher in der Lage, die von ihren Mitschülerinnen vorgetragenen Ergebnisse miteinander zu verknüpfen. (32)
Von Schülerinnen der Jahrgangsstufe 12 wurde wiederum die Existenz von Arbeitsfragen positiv hervorgehoben, die genauso wie konkrete Arbeitsaufträge zu einzelnen Themengebieten eine Ermüdung durch ein wahlloses Hin- und Herblättern verhindern würden. Ob diese Meinung nun repräsentativ ist, wird sich erst noch herausstellen müssen. Dies bedeutet jedoch nichts anderes, als dass Schülerinnen und Schüler es vorziehen, konkrete Arbeitsaufträge zu erhalten als sich selbständig mit Hilfe der CD-ROM ein historisches Wissensgebiet zu erschließen. An dieser Stelle zeigt sich auch, dass es nicht ausreicht, Schülerinnen und Schüler selbstbestimmt mit multimedialer Lernsoftware arbeiten zu lassen, sondern genau, wie es nach einer auf historischen Texten basierenden Quellenarbeit notwendig ist, kommt der durch den Lehrer bzw. die Lehrerin geleiteten Diskussion entscheidende Bedeutung zu. Ansonsten besteht die Gefahr, daß der einzelne zwar eine Vielzahl von Informationen aufgenommen hat, diese aber noch nicht selbst verarbeitet und in einem auswertenden Gespräch reflektiert hat. Insofern haben die Lehrenden bei dieser Art des Lernens eine noch größere Verantwortung für den Bildungsprozeß zu tragen als bei der traditionellen Methode.
Interessant ist auch bisher festzustellen, dass nicht etwa vorwiegend Schüler sich für die Arbeit mit den von uns entwickelten historischen CD-ROMs interessierten, sondern vorwiegend Mädchen bzw. junge Frauen. Ob dies vor allem auf den fachlichen Inhalt zurückzuführen ist, also einem stärkerem Interesse an Geschichte, bedarf einer gründlichen Klärung. Weiterhin fiel auf, dass ein Teil der Schülerinnen vorher noch nicht mit einem Computer gearbeitet hatte und trotzdem nach einer einige Minuten dauernden Einführung in der Lage war, sich in der multimedialen Lernsoftware zu bewegen. Dabei wurde insbesondere auch die klare Strukturierung der CD-ROMs hervorgehoben, die sich im wesentlichen an dem Inhaltsverzeichnis eines Buches orientiert.
Von seiten der Kolleginnen und Kollegen, die im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen, Archivbesuchen, Fachkonferenzen oder als Besuchter von Geschichtsfesten einen Einblick in die multimedialen Unterrichtsmaterialien bekamen, wurde neben den Hinweis auf die oben beschriebenen technischen und organisatorischen Probleme bei dem praktischen Unterrichtseinsatz u.a. die größere Möglichkeit der Differenzierung und des Weckens von Interesse angeführt.
Nach zwei Jahren Projektarbeit kann festgestellt werden, dass wir noch viel mehr Fragen als Antworten haben. Dabei sind wir bisher nicht zu der Überzeugung gelangt, dass der Einsatz von multimedialer Lernsoftware im Fach Geschichte das neue Zauberwort ist, das automatisch zu einem besseren Unterricht führen würde. Andererseits wird sich das Fach Geschichte und die es unterrichtenden Kolleginnen und Kollegen den Angeboten und Entwicklungen auf dem Gebiet der Neuen Informations- und Kommunikationstechnologien auf Dauer nicht verschließen können. Insofern sehen wir es nicht als ein "entweder-oder", sondern "sowohl-als-auch" an. Gerade wenn wir historisch-politische Bildung unter den uns anvertrauten jungen Menschen fördern wollen, dürfen wir nicht diese den teilweise inhaltlich wenig überzeugenden CD-ROMs unreflektiert überlassen, sondern müssen unsere Aufgabe als Pädagoginnen und Pädagogen wahrnehmen und uns gezielt und kritisch mit dem kommerziellen Angebot auseinandersetzen und pädagogisch wohldurchdachte multimediale Lernsoftware in den Unterricht einbeziehen.
Darüber hinaus wäre es noch wünschenswert, dass sich weitere schulische und universitäre Arbeitsgruppen mit der Entwicklung und dem unterrichtlichen Einsatz von multimedialer Lernsoftware beschäftigen, um die Diskussion über die Vor- und Nachteile dieser neuen Formen des Lernens im Fach Geschichte voranzubringen. Dies gilt insbesondere auch für das "On-Line"-Lernen mit Hilfe des Internet.
Anmerkungen
1)
Hartmut von Hentig, Bildung. Ein Essay, München u. Wien: Hanser Verlag 1996, S. 15. Vgl. auch die kritische Position von Neil Postman in dem von Susanne Gascke und Uwe Jean Heuser geführten Zeit-Interview Die große Verführung. In: Der Mensch im Netz. Kultur, Kommerz und Chaos in der digitalen Welt, Zeit Punkte, Heft 5/96, S. 14
2)
Bildungskommission
NRW, Zukunft der Bildung. Schule der Zukunft. Denkschrift der Kommission 'Zukunft der Bildung - Schule der Zukunft' beim Ministerpräsidenten des Landes Nordrhein-Westfalen, Neuwied u.a. :Luchterhand 1995, S. 134. Dort heißt es weiter: "Die Ausdifferenzierung der klassischen Text- und Bildmedien in den letzten Jahrzehnten, vor allem aber die Entwicklung der elektronischen Medien und die Möglichkeiten der Informations- und Kommunikationstechnik beeinflussen die Lern- und Bildungssituation grundlegend". Vgl. auch die von der Initiativgruppe Berliner Memorandum veröffentlichte Denkschrift Berliner Memorandum. Aktiver lernen - Multimedia für eine bessere Bildung , Berlin 23. November 1994.
3)
Ulrich Schnabel, Ein Himmel voller Bytes. Die elektronische Revolution rollt, doch noch fehlen Computer und Konzepte. In: Die Zeit, Nr. 17/1997 (18. April 1997), S. 33. Vgl. u. a. auch die Diskussion zum Thema "Multimedia-Schulen im Netz". In: Neue Deutsche Schule, Heft 12/1996, S. 16 -25 sowie das Heft 9/1996 Schulen ans Netz
4)
Im folgenden verstehen wir unter dem Begriff Multimedia die Verknüpfung von Texten, Bildern, Audio- und Videodateien in Form eines Hypertextes, der jede beliebige, jedoch gewollte Verbindung dieser Bausteine und deren Speicherung mit Hilfe eines Computers ermöglicht.
5)
Eine umfassende Aufarbeitung der internationalen Literatur würden den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen. Es kann daher nur darum gehen, einige Anknüpfungspunkte zu unserem Projekt aufzuzeigen und vereinzelte Literaturhinweise zu geben. Vgl. u.a. Charles Butler, Integrating Computing into the History Curriculum. In: Computing and History, Vol 5, No 3, 1993, S.199-203; Wendy Hall, Frank Colson, Multimedia Teaching with Microcosm-Hides: Viceroy Mountbatten and the Partition of India. In: History and Computing, Vol 3, No 2, 1991, S. 89-98; Jonathan Grove, Virtual History: An Outline of Research Being Undertaken at Sheffield Hallam University. In: History and Computing, Vol 8, No 1, 1966, S. 38-44; Karen Commings, Local History Highlights. Two Multimedia Projects. In: Computers and Libraries, Vol 16, No 4, 1966, S. 22-23.
6)
Vgl. grundsätzlich dazu die Ausführungen von Lutz Niethammer, Anmerkungen zur Alltagsgeschichte, in: Geschichtsdidaktik, Heft 3, 1980, S. 231-242, sowie Klaus Bergmann, Rolf Schörken (Hrsg.), Geschichte im Alltag - Alltag in der Geschichte, Düsseldorf 1982, hier vor allem das Kapitel 11. Ebenso die entsprechenden Beiträge zu diesen Fragestellungen im Handbuch der Geschichtsdidaktik, hrsg. von Klaus Bergmann u.a., 2 Bde, Düsseldorf 1979.
7)
Vgl. Thomas Lange (Hrsg.), Geschichte - selbst erforschen. Schülerarbeit im Archiv, Weinheim u. Basel: Beltz Verlag, 1993. Ebenso Günther Rohdenburg, Öffentlichkeit herstellen - Forschen erleichtern! 10 Jahre Archivpädagogik und historische Bildungsarbeit - Vorträge zur Didaktik-, Bremen: Selbstverlag des Staatsarchivs 1996.
8)
Mitglieder sind Hagen Aufderheide (Wilhelm-Normann-Kollegschule Herford), Christoph Laue M.A. (Kommunalarchiv Herford), Dr. Heinrich Pingel-Rollmann (WNS Herford), Wolfgang Silger (KAH Herford) und Dr. Hartmut Wille (Gesamtschule Friedenstal, Herford). Der Autor ist seit 1993 am Kommunalarchiv Herford als teilabgeordneter Archivpädagoge tätig.
9)
Die CD-ROM (Demoversion) kann über die Wilhelm-Normann-Kollegschule Herford, Hermannstr. 5, 32052 Herford zum Preis von DM 39,- bezogen werden. Der Inhalt basiert im wesentlichen auf einer Ausstellung des Kommunalarchiv Herford sowie der Broschüre "Als die Amerikaner kamen..." Dokumente und Materialien zu Kriegsende und Befreiung in Herford, bearbeitet von Christoph Laue und Heinrich Pingel-Rollmann, Herford: Selbstverlag 1995 (Archivpädagogische Schriften Nr. 2)
10)
Im einzelnen sind dies neben der Wilhelm-Normann-Kollegschule Herford
als koordinierende Schule: Galway Regional Technical College in Castlebar/Irland, Hopwood Hall College
in Rochdale/England und seit Februar 1997 auch die Zespol Szkol Machanicznych in Pabianice/Polen.
11)
Die Überlegungen zu dem Thema Internet im Geschichtsunterricht würden den Rahmen dieser Veröffentlichung sprengen. Einen guten generellen Überblick über die Verwendung des Internet in der Schule gibt z.B. Holger Morawietz, UnterrichtsNavigator. In: L. A. Multimedia, Heft 2.Mai1997, S. 30-32. Fachspezifisch vgl. auch den dort erschienen Aufsatz von Klaus-Peter Busche, Netz-Geschichte. Geschichtsunterricht mit dem Internet, S. 26-29. Als Beispiel für eine internationale E-Mail-Konferenz über die Geschichte des I. Weltkrieges vgl. Roger Austin, COMPUTER CONFERENCING IN HISTORY.DISCUSSING THE PAST WITH THE TECHNOLGOY OF THE FUTURE, London 1995. Eine Veröffentlichung des Verfassers zum Europäischen Klassenzimmer ist in Vorbereitung. Die vorläufige Internet-Adresse mit ersten Ergebnissen des Projektes lautet: http://home.t-online-de/home/cula-project/cui.htm
12)
Bei dem Comenius-Programm handelt es sich um die Förderung einer Schulpartnerschaft, an der sich mindestes drei Schulen/Colleges aus verschiedenen europäischen Ländern beteiligen müssen. Vgl. European Commission. Directorate General XXII. Education, Training, Youth. Results of the Pilot Action of the European School Partnerschips 1992-1994, Luxemburg: Office for Official Publications of the European Communities 1996. Nähere Informationen sind auch über den Pädagogischen Austauschdienst, Postfach 2246, 53012 Bonn erhältlich. Bei dem ODL-Programm geht es um die Entwicklung und Erprobung neuer Formen des Lernen durch den Einsatz der Neuen Informations- und Kommunikationstechnologien. Vgl. Socrates: The European Community Action Programme In The Field Of Education, Guidelines For Applicants 1996. Open and Distance Learning, Bruxelles 1995
13)
Vgl. auch einzelne Fragestellungen in dem einen guten Überblick gebenden Artikel von Hartmann Wunderer Computer im Geschichtsunterricht. Neue Chancen für historisches Lernen in der Informationsgesellschaft. In: GWU, Jg.47, 1996, Heft 9, S.526-534 sowie Ulrich Arndt, Herausforderung an die Schule von heute: Welche Bildungspotentiale hat die Schule? - Die deutsche Perspektive. In: Die Informationsgesellschaft von morgen - Herausforderung an die Schule von heute. Vierter Deutsch-Amerikanischer Dialog zur Medienkompetenz als Herausforderung an Schule und Bildung, Bertelsmann Stiftung (Hrsg.), Gütersloh: Verlag Bertelsmann Stiftung 1996, S. 99
14)
Vgl. einen guten Überblick über die verschiedenen Angebote gebenden Artikel von Hartmann Wunderer. Ebenso die verschiedenen Rezensionen von CD-ROMs durch Christof Magar, z.B. Deutsche Geschichte. In: Geschichte lernen, Heft 53 (1996), S. 14; Das 20. Jahrhundert auf CD-ROM. In: Geschichte lernen, Heft 54(1996), S.6
15)
Vgl. "Living And Working Conditions in the Age of Industrialisation - Common European and Regional Perspectives", Project Report May 1995 - June 1996, zusammengestellt von Heinrich Pingel-Rollmann, Herford: Eigendruck 1996. Erhältlich über Wilhelm-Normann-Kollegschule Herford.
16)
Vgl. auch Landesinstitut für Schule und Weiterbildung. Beratungsstelle für Neue Technologien, Werkstattwoche vom 28.2.95 bis 3.3.95 zum Thema: Einführung in das Schreiben von Hypermedia, Moderation Willi van Lück und Michael Klein (masch. Mskr.) Ebenso die grundlegenden Anforderungen bei Willi van Lück, Verändertes Lernen: eigenaktiv, konstruktiv und kommunikativ. In: Computer und Unterricht, Heft 23/1996, S.5-9.
17)
Eine technisch noch nicht ausgereifte und inhaltlich vollständige
Demo-Version der CD-ROM "Lebens- und Arbeitsbedingungen im Zeitalter der Industrialisierung - Gemeinsame europäische und regionale Perspektiven" wird im Oktober 1997 vorliegen und das Ergebnis der CULA-Arbeitskonferenz vom Juni 1997 in Herford widerspiegeln.
18)
Astrid M. Wissenburg, TLTP History Courseware Consortium: A Project Report. In: History and Computing, Vol 6, No 1, 1994, S. 46.
19)
Vgl. Barbara Eschenhauer, Konferenzbericht. In: Die Informationsgesellschaft, S. 17.
20)
Vgl. Peter Reimann/Thomas J. Schult, Schneller schlauer. Bildung im Multimedia-Zeitalter. In: ct. Magazin für computer technik, September 1996, S. 180.
21)
Vgl. Christof Magar, CD-ROM "Deutsche Geschichte" (Anm. 14)
22)
Vgl. William L. Crozier, Chad Gaffield, The Lower Manhattan Project: An Urban Labatory for the Liberal Arts. In:Computing and History, Vol 5, No 2, 1993, S. 89-109
23)
Rolf Ballof, Zur Eröffnung des Historikertags in München 1966. In: GPD, Heft 1/2, 1997, S. 5
24)
Die Gesamtkosten für die beschriebenen Geräte belaufen sich im Augenblick noch auf ca. 5.000 DM. Die Kosten für die einfachere Toolbook-Version 3.0 belaufen sich auf ca. 400,- DM, während für die mehr Multimediaanwendungen ermöglichende Version 4.0 noch ca. 1.500 DM zu bezahlen sind.
25)
Vgl. die Arbeitsteilung zwischen den Teams der University of Glasgow (Inhalt) und University of Southampton (Produktion) in ihrem Projekt über die Französische Revolution, Wissenburg,History Courseware,S. 45.
26)
Dabei handelt es sich um Veranstaltungen in Darmstadt, Münster und mehrfach in Herford, an denen Kolleginnen und Kollegen unterschiedlichster Schulformen teilgenommen haben und die von Hagen Aufderheide und vom Verfasser durchgeführt wurden. Die Teilnehmerinnen wurden im nach ihren bisherigen Erfahrungen und nach dem möglichen Einsatz von Multimedia im Unterricht befragt. Die Antworten liegen in Schriftform vor.
27)
Vgl. Butler, Integrating Computing, S.200. Es heißt dort: "Lack of training, lack of time for course development, lack of consideration for IT-related work in applications for promotion-all these are perfectly sufficient obstacles to deter the uncommitted. Add to this the logistical inconvienences of booking specially equipped rooms, familiarising oneself with the equipment, spitting classes into groups small enough to fit, reorganizing the timetable as a result, and you have a very good recipe for Pedagogic inertia."
28)
Vgl. auch Rudolf Peschke, Renate Schulz-Zander, Multimedia und Telekommunikation - Vielfalt der Lernorte. In: Computer und Unterricht, Heft 22/1996, S. 5-9. Hier wird der Ausdruck Medieninsel verwandt.
29)
Vgl. Linda Roberts, Today's Challenge to the School: What Is the School's Educational Potential? - The American Perspective. In: Die Informationsgesellschaft, S. 79. Als weitere Voraussetzung für den effektiven Einsatz der Neuen Technologien im Unterricht führt die Autorin des weiteren auf: Zugang zu den Technologien, Vorstellung von der unterrichtlichen Umsetzung, technische Unterstützung
30)
Stellungnahme liegt dem Verfasser vor.
31)
Diese Charakterisierung findet sich bei Reimann/Schult, Schneller schlauer, S. 182. Vgl. auch Peter Diesler, Lernen im Cyberspace. In: Erziehung und Wissenschaften, Heft 3/1996, S. 14.
32)Die Ausführungen basieren auf schriftlichen Antworten auf Fragestellungen, die dem Autor vorliegen. Ebenso haben Kolleginnen und Kollegen schriftliche Kommentare abgegeben. Vgl. auch die Ergebnisse bei Avigail Oren, Information Organization of Tutorial and Students' Attitudes towards History Learning. In: History and Computing, Vol 6, No 1, 1996, S. 59-65. Er stellte in seinem israelischen Projekt zur Geschichte des Zionismus fest, dass die beteiligten Schüler der 9. Klasse eher an der Computerarbeit interessiert waren, während für die der 12. Klasse der historische Inhalt eher im Vordergrund stand.
Zum Verfasser:
Dr. Heinrich Pingel-Rollmann, M.A., OStR am Wilhelm-Normann-Berufskolleg Herford und Archivpädagoge am Kommunalarchiv Herford. Anschrift: Gabriele-Münter-Weg 6, 32052 Herford, Tel. 05221-74833, Fax 05221-132849, E-Mail archivpaed.kah@t-online.de
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Veröffentlichungsdatum: 07.03.2001
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