Zeitungstheater (Arbeitsmaterial)
sowi-online dankt dem Landesinstitut für Schule, Soest, und der Redaktion von learn:line für die freundliche Genehmigung zur Aufnahme dieser Seite in das Angebot von sowi-online.
Die Techniken des Zeitungstheaters
1. Einfaches Lesen
Die einzelne Meldung wird ohne Kommentar vorgelesen.
2. Vervollständigendes Lesen
Hier wird der Meldung eine zusätzliche Aussage hinzugefügt, die zuvor von der Presse unterschlagen wurde. Beispiel: "Wer die Freiheit liebt, wählt Stroessner" (Präsidentschaftskandidat von Brasilien) mit dem Zusatz " andernfalls holt dich die Polizei!"
3. Gekoppeltes Lesen
Hierunter wird das Vorlesen von Meldungen aus mehreren Artikeln verstanden, die sich widersprechen, dementieren oder aufheben.
4. Rhythmisches Lesen
Durch das rhythmische Vortragen eines Textes werden bestimmte Assoziationen geweckt. Beispiel: Rede einer Politikerin bzw. eines Politikers im Marsch-, Tango- oder Walzerrhythmus.
5. Untermaltes Lesen
Ähnlich wie bei dem vervollständigenden Lesen werden hier zu den Aussagen Zusätze angebracht. Diesmal jedoch durch Werbeaussagen (Wahlkampfphrasen) der Politiker.
6. Pantomimisches Lesen
Durch einen gewollt großen Gegensatz zwischen Text und Präsentation soll die Aussage karikiert werden. Beispiel: Rede des Wirtschaftsministers über den Ernst der Lage. Die vortragende Schauspielerin bzw. der Schauspieler sitzt dabei an einem reichlich gedeckten Tisch.
7. Improvisierendes Lesen
Als Variante zum pantomimischen Lesen wird hier die Meldung szenisch nachgezeichnet.
8. Historisches Lesen
Hier wird eine Meldung mit anderen (ähnlichen) geschichtlichen Ereignissen in Beziehung gesetzt. Es geht darum, sich die historischen Alternativen zu vergegenwärtigen, um aus der Geschichte zu lernen.
9. Konkretisierendes Lesen
Das abgenutzte Vokabular der Nachrichten, das die einzelne Information unter Umständen verdeckt, verringert die Aussagekraft der Meldung. Diese wird szenisch dargestellt, um zu zeigen, was wirklich berichtet wird.
10. Pointiertes Lesen
Eine Meldung wird durch eine andere denkbare (aber nicht abgedruckte) Meldung kommentiert. Beispiel: Bericht vom Staatsbegräbnis eines ermordeten Admirals mit ausführlicher Beschreibung der von den Gästen getragenen Trauerkleidung. Bericht von einem Kinderbegräbnis in einem Elendsviertel und davon, wie Eltern sich ihre Trauerkleidung beim Trödler erstehen.
11. Kontext-Lesen
In manchen hochstilisierten Berichterstattungen werden nur die Einzelheiten vermarktet (verschlagzeilt), jedoch wird über die wahren Sachverhalte nicht berichtet. Durch eine szenarische Darstellung nach dem Vorlesen der Meldung wird dies nachgeholt. Beispiel: Im Fernsehen wird ein mißliebiger Arzt als Mörder hingestellt, weil wegen angeblicher Fehldiagnose ein Kind in den Elendsvierteln starb. Die ergänzende Szene handelt von den Lebensbedingungen in den Slums (ärztliche Unterversorgung), den vielen Kindern, der Arbeitsbelastung der wenigen engagierten Ärzte, die zumeist die Armen kostenlos behandeln.
Augusto Boal: Theater der Unterdrückten. Frankfurt/M. 1979, S. 29 ff.
Beim Forum "Kirche und Theater" auf dem Evangelischen Kirchentag in Hannover 1983 wurde ein 3-Stunden-Workshop mit Zeitungs-Theater angeboten. Aus dem Erfahrungsbericht:
"Und wir konkretisieren die Aufgabe und stellen die Schritte vor, mit denen die Gruppen sich an die ,Arbeit' machen: (...)
- Jede Gruppe erhält wieder einen Zettel. Darauf steht als Satz oder als Stichwort ein Grundthema, das eure Szene bestimmen soll (...).
- Nehmt eure Zeitungen, die ihr vorhin im Café ,Journal' gelesen habt, euren Artikel des ersten Spiels. Diese Nachrichten zum Thema Rüstung, Kriegsvorbereitung, Friedensbewegung etc. sind euer inhaltliches Material. Wählt einen oder (je nach Aufgabe) mehrere davon aus, die in euer Spiel reinpassen können. (...)
- Die Zeitung soll als Spielrequisit eine zentrale Rolle spielen. (...)
Die Zettel werden verteilt:
-
Eine Nachricht geht unter.
Nehmt eine Zeitung/Meldung und laßt sie untergehen! -
Eine Nachricht wird dargestellt.
Spielt den Inhalt einer Meldung und das, was eure Phantasie und Meinung dazu ist! -
Schlag-Zeilen.
Benutzt dazu alle eure Zeitungen und Nachrichten! -
BILD - Frankfurter Rundschau,
oder TAZ - FAZ. Nehmt eine Meldung, überlegt, wie zwei politisch konträre Zeitungen darüber berichten könnten und stellt es dar! -
Werbung.
Einigt euch auf einen Artikel und seht, was für Elemente, Dinge drin vorkommen, die ihr zu einer gespielten Werbeanzeige (Werbespot) gestalten könnt!
Wir begrenzen die Vorbereitungszeit auf etwa 30 Minuten. In den Ecken des Spielraums, draußen auf den Fluren bereden sich die Gruppen, üben ein, probieren aus. (...)
Die Szenen
Nacheinander stellen die Gruppen ihre Szenen vor. Wir sehen, wie eine Nachricht untergeht. Ein Darsteller steht vorn auf der Bühne und liest aus der Zeitung vor, daß ein Ärztekongreß festgestellt hat, daß es bei einem künftigen Atomkrieg keine medizinische Versorgung geben kann. Als er angefangen hat, beginnen die Mitspielerinnen und Mitspieler, die unterm Publikum sitzen, leise und immer lauter werdend, ebenfalls Zeitungsmeldungen vorzulesen. Sportberichte, Mordberichte, Wetterberichte, Unfallberichte, Sensationsberichte. Stehen auf, gehen umher, reden auf die Zuschauerinnen und Zuschauer ein. Was die Mediziner noch zu sagen hatten, ist untergegangen. Die Szene bricht abrupt ab.
In der nächsten Szene anfangs ein Gespräch am Tisch: Jemand liest aus der Zeitung kurz eine Meldung über Frauen in der Armee vor. Was würde frau machen, wenn sie auch eingezogen würde?
Die Szene wird zur Fiktion: Der Postbote bringt den Einberufungsbescheid. Wechsel. Wir sehen jetzt, wie drei Frauen als Soldatinnen ihrem Offizier, einem Mann, das Kriegsspielen vermiesen. Gezielte Mißverständnisse, Slapstick, Sabotage, Anmache verhindern, daß die Truppe gefechtsklar wird. Der Offizier flieht entnervt, die Frauen verschwinden nach der anderen Seite.
Dann die Schlagzeilen: Zeitungsverkäufer treten nacheinander auf, rufen Pro- und Contra-Schlagzeilen zur beabsichtigten Raketenstationierung. Sie treffen auf einen interessierten Kunden, der sich aber nicht orientieren kann bei dem widersprüchlichen Angebot. Sie dringen auf ihn ein: Zunächst mit Worten, dann mit der zusammengerollten Zeitung als Schlagstock. Die Verkäufer gehen wieder auseinander, der Kunde liegt erschlagen am Boden.
Ausgehend von der Meldung, daß ein Mitglied der Friedensbewegung der DDR aus seinem Land abgeschoben worden ist, zeigt die Gruppe jetzt, wie in den Medien der DDR und der BRD unterschiedlich darüber berichtet wird. Rechts und links auf der Bühne jeweils eine Person, die aus der Zeitung vorliest und zwei andere, die das Vorgelesene im szenischen Spiel kommentieren. Sie wechseln sich immer wieder ab."
Beratungsstelle für Gestaltung (Hrsg. ): Versuche, Heft 9: Friedenstheater - Friedensspiele. Frankfurt o. J., S. 70-72, Auszüge.
Keywords: Unterrichtsmethoden, Unterrichtsmethode, Methoden, Lehr-Lern-Methoden
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Verantwortlich für diese Seite: Reinhold Hedtke
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Bearbeitung: Carsten Koch
Veröffentlichungsdatum: 20.07.2005
URL des Dokuments: http://www.sowi-online.de/methoden/lexikon/material/zeitungstheater_mat.htm
