Oral History, Spurensuche vor Ort

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Arbeitsmaterial


Lebensgeschichtlich angelegte Interviews mit Zeitzeugen über deren lokal- und alltagsgeschichtliche Erfahrungen gelten als die bedeutendste Methode der Geschichtsforschung von unten.

Die Art der geschichtlichen Überlieferung, die die Lebensgeschichte der Beteiligten mit einschließt, wird aufgrund der aus den USA stammenden Tradition auch "oral history" genannt. Eine zentrale Absicht der oral history ist es, Spuren des Alltags zu sichern, d. h. Aussagen über die Alltagsgeschichte zu gewinnen. Darüber hinaus interessieren sich die Alltagsforscherinnen und -forscher auch für die spezifischen lebensgeschichtlichen Erfahrungen sowie den heutigen Umgang ihrer Interviewpartnerinnen und -partner mit ihrer Vergangenheit. Oral history hat nicht nur neue Quellen für die Alltags-, Sozial- und Kulturgeschichte erschlossen, sondern auch das Forschungsinstrumentarium verschiedener Disziplinen erweitert.


Vorgehensweise

Vgl. Martin Ulmer: Historische Spurensuche. In: Günther Gugel / Uli Jäger: Handbuch Kommunale Friedensarbeit. Tübingen 1988, S. 172-179.
L. Niethammer (Hrsg.): Lebenserfahrung und kollektives Gedächtnis. Die Praxis der oral history. Frankfurt/M. 1980.


Probleme der oral history


Vorteile von oral history

Brief eines Schülers

"Es war sehr wichtig für mich und alle anderen zu hören, wie es damals war. Man hört, sieht und liest zwar viel in den Medien und Büchern über diese Zeit, dies wirkt aber auf einen irgendwie anonym, obwohl ich zum Teil sehr grausame Bilder gesehen habe. Bei Ihnen konnte man sich richtig in die Lage damals hineinversetzen, und Sie konnten auch, meiner Meinung nach, sehr offen über die Geschehnisse von damals berichten. Es war außerdem gut, wie Sie uns über die Parallelen zwischen damals und heute aufgeklärt haben ... Was Sie mit Ihren Eltern und Geschwistern durchmachen mußten, tut mir sehr leid, denn Sie hatten eine sehr schwere Zeit im KZ, und daß Ihre Familie Sie dann noch verstoßen hat, geht mir nicht in den Kopf."

Brief eines Schülers an Lieselotte Thumser-Weil nach einem Gespräch mit der Schulklasse. In: Studienkreis: Deutscher Widerstand. Informationen 37/38, Nov. 1993, S. 18.

Oral history in der eigenen Familie?

In der eigenen Familie oral history zu betreiben, also die Eltern oder Großeltern, Tanten und Onkels zu befragen, beinhaltet eine eigene Dynamik. Die ansonsten sehr zurückhaltende Fragetechnik kann hier z. B. an manchen Punkten auch zugunsten einer konfrontativen Vorgehensweise aufgegeben werden.

Ein Beispiel aus einem Gespräch:

- "Ein Nazi war ich nie!
- Ich glaube, da machst Du Dir was vor!

- Wieso, ich werd' doch wissen, was ich damals gedacht habe.
- Darum geht es nicht allein. Du warst ein hoher Offizier in der Wehrmacht: Major. Du hast ein ganzes Bataillon kommandiert, auf Deinen Befehl hin sind russische Menschen getötet worden - Russen, die Dir nichts getan hatten.

- Das kannst Du nicht alles in einen Topf werfen! Ich war in der Wehrmacht, um meinem Vaterland zu dienen. Oder wenn Du es weniger feierlich haben willst: da war der Einberufungsbefehl, dem man sich nicht widersetzen konnte. Und ob ich nun selbst schieße oder ob ich ein Bataillon führe, das bleibt sich letztlich gleich. Ich selbst habe nie einen Russen erschossen.
- Aber Ihr wart Angreifer; das mußte Dir doch klar sein!

- Was hatte ich davon, das zu wissen. Im Krieg geht das Gefühl für Angriff und Verteidigung ohnehin verloren. Da wird alles absurd. Ich glaube übrigens auch nicht an Heldentum; Selbstbestätigung brauchte ich jedenfalls nicht.
- Aber es war die Wehrmacht, die einen verbrecherischen Angriffskrieg geführt hat!

- Aber dafür bin nicht ich verantwortlich. Wir hatten unsere Pflicht zu tun, wie es von uns verlangt wurde, auch wenn es unangenehm war. Pflichten kann man sich nicht aussuchen. Wir haben uns für Deutschland eingesetzt - und wir haben nicht verhindern können, daß am Ende andere über uns das Sagen hatten.
- Ihr hättet desertieren sollen!

Genau das sagte die Feindpropaganda, so stand es auf russischen Flugblättern!"

Der Kultusminister Nordrhein-Westfalen (Hrsg.): Unterrichtsmaterial. Wir diskutieren - Rechtsextremismus. Düsseldorf 1990.




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