Vorbereitete Umgebung, Lernwelten

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sowi-online-Methodenlexikon

Judith Meuwly Correll

Inhalt

1. Kurzbeschreibung
2. Portrait der Methode
3. Herkunft und Entwicklung
4. Typische Anwendungsfelder
5. Literatur
6. Links

1. Kurzbeschreibung

Freiarbeit in Vorbereiteter Umgebung erlaubt das selbstgesteuerte Entdecken der verschiedensten Wissensgebiete. Die genaue Ausgestaltung der Freiarbeit und auch der Vorbereiteten Umgebung hängt ab von der pädagogischen Grundausrichtung der Institution oder der Lehrperson.

 

Quelle: Müller Andreas, Wenn nicht ich,...? Und weitere unbequeme Fragen zum Lernen in Schule und Beruf, hep 2002, S. 220.

2. Portrait der Methode

Der Begriff "Vorbereitete Umgebung" bezeichnet die bewusste Gestaltung eines Lebensraumes um Lernenden die selbstgeleitete und selbständige Entfaltung und Aneignung von Fähigkeiten, Fertigkeiten und Wissen zu ermöglichen. Hierzu stehen ihnen in einem oder mehreren Räumen in offenen Regalen eine Vielzahl von speziellen Materialien, Büchern, Ordnern mit Aufgabenstellungen und Arbeitsblättern, Nachschlagewerken und auch unstrukturiertes Material zur kreativen Verwendung zur Verfügung. Die Vorbereitete Umgebung kann auch Kontakte mit der Außenwelt, Besuchs- oder Arbeitsmöglichkeiten bereitstellen. Sie umfasst für die Lernenden auch die Mitlernenden - oft altersgemischte Gruppen -, (gemeinsam) klar definierte Prinzipien und die Lehrpersonen.

Die Funktion der Lehrperson ist im Wesentlichen diejenige einer Begleitperson und einer pädagogischen Bezugsperson, eines Coach. Je nach pädagogischer Grundausrichtung einer Institution oder einer Lehrperson entdecken die Lernenden die Vorbereitete Umgebung völlig frei oder aber die Erarbeitung gewisser Wissensgebiete wird gemeinsam mit dem Coach geplant. Grundlegend ist der Arbeit mit einer Vorbereiteten Umgebung jedoch immer die Überzeugung, dass jede Person kognitive Strukturen in ganz eigener Weise und vor allem im eigenen Rhythmus aufbaut.

Auf die Auswahl und Gestaltung der Materialien wird große Sorgfalt verwendet: sie müssen dem Entwicklungsstand der Lernenden angepasst, selbsterklärend, wann immer möglich die Selbstkontrolle ermöglichend, ästhetisch und haltbar sein. Eine Vielzahl der Materialien sollte überdies mehrere Sinne ansprechen. Die Unterbringung des Materials im Raum muss einer nachvollziehbaren Logik gehorchen, damit sich die Lernenden jederzeit im Raum und in der Fülle der Materialien orientieren können. Der Raum muss so eingerichtet sein, dass verschiedene Arbeits- und Sozialformen ermöglicht werden: von Arbeitsplätzen für die stille Einzelarbeit zu Gruppenecken mit Möglichkeiten zur Visualisierung des Arbeitsverlaufs.

3. Herkunft und Entwicklung

Das Konzept der Arbeit mit einer "Vorbereiteten Umgebung" geht zurück auf die italienische Ärztin und Reformpädagogin Maria Montessori. Sie eröffnete bereits 1907 in Rom das erste "Casa dei Bambini" für Kinder von 3 bis 6 Jahren. Sie schuf für die Kinder dieses ersten "Kinderhauses" eine Umgebung, in welcher sie sich sicher, frei und selbständig bewegen konnten. Dazu ließ sie die Möbel in Kindergröße und so leicht herstellen, dass die Kinder diese ohne Hilfe verschieben konnten und zu allem Material ohne Hilfe Erwachsener Zugang hatten. Sie entwickelte spezielle Materialien - heute Montessori-Materialien genannt, die es den Kindern erlaubten, im selbständigen Tun und im eigenen Rhythmus grundlegende kognitive Strukturen aufzubauen. Zentrales Prinzip der Pädagogik Montessoris war und ist auch heute noch die freie Wahl der Aktivität. Sie ist die notwendige Voraussetzung dafür, dass die inneren Wachstums- und Aneignungsimpulse der kindlichen Entwicklung nicht behindert werden und die ursprüngliche Neugierde, Entdeckungsfreude und Experimentierlust der Kinder zur natürlichen Entfaltung kommen kann. Montessori konnte in ihrer Arbeit beobachten, dass Kinder, die sowohl Art als auch Zeitdauer Ihrer Tätigkeit selbst wählen können, sich mit unglaublicher Konzentration und Ausdauer dieser hingeben können (Polarisation der Aufmerksamkeit). Sie stellte dabei auch fest, dass die Kinder zu bestimmten Zeiten eine ausgeprägte Vorliebe und auch eine gesteigerte Aufnahmefähigkeit für bestimmte Bereiche zeigten. In diesen sensiblen Phasen ist das Lernen der Dinge, die im Zentrum des Interesses stehen, besonders leicht. Diese sensiblen Phasen beginnen und enden bei jedem Kind zu anderen Zeiten. Dieselben pädagogischen Grundprinzipien wie in diesem ersten Kinderhaus wendete Maria Montessori später auch erfolgreich in der Grundschule an. Heute gibt es weltweit tausende von Schulen, die sich an den Grundgedanken Montessoris orientieren. Einige von ihnen folgen streng der von Maria Montessori entwickelten Methode, andere verbinden Elemente der Montessori-Pädagogik mit anderen Ansätzen. So führen beispielsweise Rebecca und Mauricio Wild seit 1977 in Ecuador die Pestalozzi-Schule, kurz "Pesta" genannt, als "aktive Schule". Sie haben die Vorbereitete Umgebung Montessoris um Räume erweitert, in denen die Kinder und Jugendlichen ihren Bedürfnissen nach freier Bewegung, nach konkreten Erfahrungen mit unstrukturierten Materialien und nach Gesprächen untereinander nachgehen können. Besonders das freie Spiel erhält in ihrer Schule den Platz, den es nach den Erkenntnissen von Piaget auch haben sollte. Nach Piaget entwickeln Kinder im freien Spiel ihr Verständnis von Welt, fassen dieses in Worte vergleichen es mit demjenigen anderer anhand der Kommunikation innerhalb des Spiels und verändern es dadurch auch fortwährend. Auch die Verarbeitung von bedrohlichen oder schmerzhaften Geschehnissen und Emotionen geschieht bei Kindern über das freie Spiel. Zentrales Anliegen der Pädagogik von Rebecca und Maurizio Wild ist es, "Lebensprozesse" zu respektieren. Lebensprozesse sind die von Innen gesteuerten Austauschprozesse eines Organismus mit der Umwelt. Es ist dies gemäß dem Biologen Maturana der grundlegende Vorgang lebendiger Organismen und es ist immer ein Vorgang der "Autopoiesis", der Selbstgestaltung.

Die Aufgabe der Erwachsenen ist es, diesen Vorgang weder durch Ermutigungen und Erwartungen, noch durch irgendwelche schulischen Vorgaben zu stören. Die wichtigste Aufgabe der Erwachsenen in der Schule ist es, die Umgebung den Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen entsprechend vorzubereiten, laufend wieder neu anzupassen und dafür zu sorgen, dass die Umgebung entspannt bleibt durch das klare Setzen von Grenzen. Mittlerweile wurde in der Pesta an den Kindergarten, die Grundstufe und Sekundarstufe noch eine "Universidad autodidactica" angegliedert, in welcher Jugendliche in direkter Zusammenarbeit mit Berufsleuten (Professoren und Selbständigen) sich eine alternative universitäre Ausbildung selbst erschaffen.

Ein anderer Ansatz, der mit einer Vorbereiteten Umgebung arbeitet, verbindet die Freiarbeit mit Lerncoaching. Die Lernenden wählen ihre Tätigkeit innerhalb der "Lernwelt" selbst, setzen aber in Absprache mit einem Coach klare Wochen- und Monatsziele, die sich an einem Lehrplan orientieren. Das Erreichen dieser Ziele wird selbständig überprüft und gemeinsam mit dem Coach wird auch der eingeschlagene Weg immer wieder reflektiert. Ist in einigen Schulen praktisch die ganze Unterrichtszeit nach diesem Modell organisiert - so zum Beispiel am Institut Beatenberg in der Schweiz, so stellen an anderen Schulen einige Fächer gemeinsam einen Stundenpool für diese Art des Lernens zur Verfügung. Der Unterschied zu einem Wochenplan besteht in diesem Fall darin, dass die Lehrperson keine Aufgabenstellungen für die ganze Klasse erarbeitet, sondern jeder Lernende sich sein Programm individuell in Absprache mit dem Coach zusammenstellt.

4. Typische Anwendungsfelder

Der Anwendung der Arbeit mit einer Vorbereiteten Umgebung sind grundsätzlich keine Grenzen gesetzt. So kann eine ganze Schule nach dem Prinzip der Freiarbeit in Vorbereiteter Umgebung arbeiten oder aber einzelne Lehrpersonen organisieren ihren eigenen Unterricht nach diesen Prinzipien. Sind Kinder und Jugendliche nicht mit dieser Art des Lernens groß geworden, ist dabei immer mit einer mehr oder weniger langen Anpassungszeit zu rechnen, die durch viele Gespräche begleitet werden muss - sowohl mit SchülerInnen als auch mit Eltern.

Für die sozialwissenschaftlichen Fächer ist diese Art des Unterrichtens besonders geeignet, da die Interdisziplinarität von Anfang an gewährleistet ist: eine SchülerIn, die sich für die russische Revolution interessiert, wird sich mit größter Wahrscheinlichkeit gleichzeitig in die Geschichte Russlands, in die Geographie, die Wirtschaftstheorien und auch in die Literatur vertiefen. Und oft ergibt sich aus der Auseinandersetzung mit einem Interessengebiet schon der verschlungene Pfad des Entdeckens zu einem neuen.

5. Literatur

Maturana, Humberto R.; Pörksen, Bernhard. 2002. Vom Sein zum Tun. Die Ursprünge der Biologie des Erkennens. Heidelberg.

Maturana, Humberto R.; Varela, Francisco. 1996. Was ist Erkennen? München.

Maturana, Humberto R.; Verden-Zöller Gerda. 1997. Liebe und Spiel. Heidelberg.

Montessori, Maria. 2001. Schule des Kindes. Montessori-Erziehung in der Grundschule. Freiburg.

Montessori, Maria. 2002. Die Entdeckung des Kindes. Freiburg.

Müller, Andreas. 2002. Wenn nicht ich, ...? Und weitere unbequeme Fragen zum Lernen in Schule und Beruf. Bern.

Piaget, Jean. 1996. Nachahmung, Spiel und Traum. Stuttgart.

Piaget, Jean. 1998. Der Aufbau der Wirklichkeit beim Kinde. Stuttgart.

Wild, Rebeca. 1993. Kinder im Pesta. Heidelberg.

Wild, Rebeca. 1998. Freiheit und Grenzen, Liebe und Respekt. Was Kinder von uns brauchen. Freiamt.

Wild, Rebeca. 2001. Erziehung zum Sein. Freiamt.

Wild, Rebeca. 2001. Lebensqualität für Kinder und andere Menschen. Weinheim.

6. Links

Schulen, die mit Vorbereiteter Umgebung arbeiten (kein Anspruch auf Vollständigkeit):

www.tagesschule-sesam.ch

www.institut-beatenberg.ch

www.nmsbern.ch

www.tags.ch

www.lindenschule.net

www.projektschule-graz.at

Montessori-Schulen, Auslistungen unter:

www.montessori-ami.org

www.moteaco.com

www.montessori-netz.at

www.montessori-gesellschaft.de


 

Keywords: Vorbereitete Umgebung, Lernumgebung, Freiarbeit, Montessori, Lerncoaching, Piaget, Selbstorganisiertes Lernen, Lernwerkstatt, Freies Spiel

 

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