Einleitung zum Reader I: Grundlagentexte zur Berufsorientierung
Gerd-E. Famulla, Claudia Schreier
Der Globalisierungsprozess und der tief greifende technologische und ökonomische Wandel haben weitreichende Auswirkungen auf Beschäftigungsstrukturen und Qualifikationsanforderungen. Der Wandel von der Industriegesellschaft hin zur Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft bringt eine ständige Veränderung von Tätigkeitsprofilen mit sich. Die rasanten technischen und ökonomischen Entwicklungen machen eine stetige Anpassung und Weiterentwicklung der fachlichen und überfachlichen Kompetenzen der Beschäftigten erforderlich. Das arbeitsmarktpolitische Leitbild des "Normalarbeitsverhältnisses", das eine lebenslange Vollbeschäftigung im einmal erlernten Beruf impliziert, verliert an Gültigkeit. Fragmentierte Lebensläufe, die durch Brüche, Berufs- und Stellenwechsel, stetige Fort- und Weiterbildungen, aber auch Phasen der Arbeitslosigkeit geprägt sind, kommen immer häufiger vor.
Entwicklungen, wie die Verschiebung der Qualifikationsstruktur zugunsten qualifizierter Tätigkeiten, werden seit längerem deutlich, andere zeichnen sich eher unauffällig ab, wie etwa die Veränderungen des Gestaltungspotenzials in der Organisation von Arbeit, das dem verstärkten Verlangen der Individuen nach Selbstbestimmtheit entgegen kommt. Zum Teil hängen die Entwicklungen von politischen Rahmenbedingungen ab, wie der Gestaltung des Verhältnisses von Beschäftigung und sozialer Sicherung.
Notwendig sind Orientierungshilfen in diesem Strukturwandel. Berufsorientierung bedarf fundierter Information zur Vorbereitung berufsbiographischer Entscheidungen. In diesem Reader finden sich Beiträge, in denen zu zentralen Fragen, Problemen und sich abzeichnenden Perspektiven des Strukturwandels in Arbeit, Ausbildung und Beruf Stellung genommen wird. Sie liefern Analysen, Einschätzungen und Vorschläge und dienen somit einem neuen Verständnis von Berufsorientierung. Die Auswahl der Texte orientiert sich primär an ihrer Bedeutung für die als zentral angesehenen Gegenstandsbereiche der Berufsorientierung, wobei der Substanz der Beiträge Priorität vor der Aktualität eingeräumt wurde.
Der erste Teil des Readers beschäftigt sich mit Berufsorientierung im Strukturwandel von Arbeit und Beruf:
In seinem Aufsatz "Der schwierige Abschied vom Normalarbeitsverhältnis" stellt Rainer Dombois die Herausbildung des Normalarbeitsverhältnisses seit der Nachkriegszeit dar. Er charakterisiert dessen wesentliche Merkmale und geht auf den heutigen Erosionsprozess des traditionellen Verständnisses von Erwerbsarbeit sowie dessen Gründe ein. Es werden verschiedene Konzepte der Neuordnung von Erwerbsarbeit beleuchtet. Der Autor vertritt die These, dass es auf Grund des Strukturwandels und der veränderten Ansprüche an Erwerbsarbeit kein Zurück zum Normalarbeitsverhältnis geben kann.
Werner Dostal, Friedemann Stooß und Lothar Troll gehen in ihrem gemeinsamen Aufsatz "Beruf - Auflösungstendenzen und erneute Konsolidierung" der Frage nach, in welcher Form es in der Zukunft noch Berufe geben wird und inwieweit Erwerbsarbeit ohne die strukturierende Funktion des Berufssystems organisiert werden kann. Die Entwicklung des Berufsbegriffs, die Funktion des Berufs und der Berufsbenennungen, Auflösungstendenzen sowie die Rolle des Berufs im Wandel der Arbeitswelt werden thematisiert. Zugleich erkennen die Autoren in den dargestellten Auflösungstendenzen neue Chancen für den Beruf.
In ihrem auf der zweiten Fachtagung des Programms "Schule - Wirtschaft/ Arbeitsleben" in Bielefeld gehaltenen Vortrag "Berufsorientierung im Wandel - Vorbereitung auf eine veränderte Arbeitswelt" beleuchtet Karen Schober die langfristigen Entwicklungstrends, mit denen sich ein verändertes Verständnis von Berufsorientierung auseinander setzen muss. Nicht die Quantität und Qualität vorhandener Maßnahmen und Projekte zur Berufsorientierung werden von Schober als problematisch angesehen, vielmehr bedürfe es einer besseren Strukturierung und Koordination sowie einer Anleitung zum sinnvollen Gebrauch der Angebote. Nach einem geschichtlichen Überblick über die Entwicklung der schulischen und außerschulischen Berufsorientierung werden sieben dominante Trends sowie die veränderten Qualifikationsanforderungen in der künftigen Erwerbsgesellschaft charakterisiert.
Die Beiträge im zweiten Teil reflektieren neue Herausforderungen für die Berufsorientierung im Spannungsverhältnis zwischen Bildungs- und Beschäftigungssystem:
Lothar Reetz sieht im Schlüsselqualifikationskonzept eine Chance, die Berufsbildung für eine fach- und berufsübergreifende Qualifizierung zu öffnen. Die inhaltliche Nähe zum Kompetenzbegriff ermögliche zudem berufliche Lernprozesse als Persönlichkeitsentwicklung und somit Berufserziehung als "Bildungsprozess" zu gestalten. In seinem Aufsatz "Zum Zusammenhang von Schlüsselqualifikationen - Kompetenzen - Bildung" bezieht der Autor seine kompetenztheoretischen Überlegungen auf die veränderten Anforderungsprofile in der Arbeitswelt, welche die Grundlage für eine positive Einschätzung des Schlüsselqualifikationskonzepts durch die Arbeitgeber darstellen.
In dem Aufsatz "Veränderung der Qualifikationsanforderungen und Ausbildungsreform - neue Anforderungen an das allgemein bildende Schulwesen" geht Norbert Jacke auf die Schlüsselqualifikationsdebatte ein. Der Autor vertritt die These, dass die veränderten Rahmenbedingungen der Erwerbsarbeit inhaltliche, methodische und organisatorische Veränderungen in den Schulen erfordern. Statt reiner Wissensvermittlung durch Frontalunterricht sollten in neuen Lehr- und Lernformen (Projektlernen) verstärkt Schlüsselkompetenzen angeeignet werden. Der Autor liefert Beispiele aus dem Forschungsprojekt "Berufsorientierung für eine reformierte Ausbildung im Betrieb". Der Aufsatz schließt mit Forderungen an das allgemein bildende Schulsystem.
Gerd-E. Famulla stellt in seinem Aufsatz "Berufsorientierung im Strukturwandel von Ausbildung, Arbeit und Beruf. Herausforderungen, Ziele und Maßnahmen im Bundesprogramm 'Schule - Wirtschaft/ Arbeitsleben'" zunächst die grundlegende Abhängigkeit erfolgreicher Berufsorientierung von der Sicherung eines auswahlfähigen betrieblichen Ausbildungsplatzangebotes und den Chancen auf anschließende Erwerbstätigkeit heraus. Verdeutlicht wird ein neues Verständnis von Berufsorientierung und darauf aufbauender beruflicher Handlungsfähigkeit. Der zweite Teil des Textes stellt Maßnahmen und Projekte vor, wie sie im Programm "Schule - Wirtschaft/ Arbeitsleben" zur innovativen Gestaltung des Übergangs in Ausbildung und Beruf erprobt werden und zu denen erste empirische Befunde vorliegen.
Der dritte Teil des Readers beleuchtet die Berufsorientierung besonderer Gruppen:
In ihrem Beitrag "Begrenzte Auswahl. Berufliche Orientierung von Jugendlichen mit schlechten Startchancen" geht Beatrix Niemeyer auf die gegenwärtig praktizierte Benachteiligtenförderung ein und liefert empirisch gestützte Erkenntnisse zu betrieblicher und überbetrieblicher Ausbildung Jugendlicher. Es wird aufgezeigt, dass Hürden und Hindernisse, mit denen sich benachteiligte Jugendliche konfrontiert sehen, zum Teil durch das Bildungssystem selbst gesetzt und sozio-kulturell geprägt sind. Die Autorin geht auf Risikofaktoren und geschlechtsspezifische Unterschiede ein, zieht Vergleiche zu anderen Berufsbildungssystemen und zeigt, wie mit Fördermaßnahmen des Arbeitsamtes versucht wird, dominante Selektionsprinzipien abzufedern und strukturelle Mängel des Ausbildungssystems auszugleichen.
Der Beitrag von Ursula Hecker "Ausbildungsabbruch als Problemlösung? Überlegungen zu vorzeitigem Ausstieg aus der Ausbildung" geht anhand von empirischen Befunden auf Ursachen für Ausbildungsabbrüche und Abbruchüberlegungen ein. Es werden die Hintergründe beleuchtet und besonders betroffene Berufsgruppen identifiziert. Der Anstieg der vorzeitigen Vertragslösungen erweist sich als folgenschwer, so die Autorin, da sich die Chancen für die betroffenen Jugendlichen im Vergleich zu früher deutlich verschlechtert haben. Dabei geht der Anteil der Ausbildungswechsler zurück, während sich gleichzeitig der Anteil derjenigen erhöht, die im Anschluss arbeitslos sind. Es zeichnet sich somit ab, dass der Abbruch einer Ausbildung für die Jugendlichen derzeit häufig zu einem Herausfallen aus dem beruflichen Bildungssystem führt.
Mona Granato und Karin Schittenhelm gehen in ihrem Aufsatz "Wege in eine berufliche Ausbildung: Berufsorientierung, Strategien und Chancen junger Frauen an der ersten Schwelle" den Fragen nach, welche beruflichen Orientierungen und Strategien junge Frauen entwickeln und welche Partizipationschancen sie vorfinden. Es werden Chancen und Risiken von Schulabgängerinnen aus den alten und neuen Ländern sowie ausländischer Herkunft herausgearbeitet und berufliche Orientierungen und Strategien des Berufswahlverhaltens anhand vergleichender Fallanalysen vorgestellt. Hierbei tritt ein Ungleichgewicht zwischen den Interessen junger Frauen und ihren Chancen im dualen System zutage, wobei sich diese Diskrepanz bei jungen Frauen mit Migrationshintergrund noch verstärkt.
In ihrem Beitrag "Qualifizierungspotenziale in Deutschland nutzen: Jugendliche mit Migrationshintergrund und berufliche Ausbildung" anlässlich des 7. Medienforums "Migranten bei uns" des Südwestfunks geht Mona Granato auf die Hintergründe der verschiedenen Zuwanderergruppen ein und erklärt ihre Integration in das Berufsleben als zentrale gesellschaftspolitische Herausforderung. Vor dem Hintergrund der künftigen Beschäftigungsentwicklung werden die Chancen junger Migrantinnen und Migranten in der beruflichen Bildung sowie Ausbildungshemmnisse wie sprachliche Probleme, fehlende Beziehungen zu Betriebsangehörigen und Vorurteile thematisiert und aufgezeigt, wie das Qualifikations- und Arbeitsmarktpotenzial junger Migrantinnen und Migranten gefördert werden kann.
Der abschließende vierte Abschnitt beschäftigt sich mit der Didaktik der Berufsorientierung:
Heinz Dedering stellt in seinem Beitrag "Entwicklung der schulischen Berufsorientierung in der Bundesrepublik Deutschland" detailliert die Veränderungen des berufsorientierenden Unterrichts seit dem Zweiten Weltkrieg an Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien dar und erläutert die Funktion des Schulfachs Arbeitslehre. Die didaktischen Ansätze zur Berufsorientierung folgten lange Zeit unterschiedlichen Konzepten, denn in den Curricula mussten die besonderen Schulsituationen in den Ländern berücksichtigt werden und waren ständigen Eingriffen der Politik ausgesetzt. Zudem wurde die Forderung nach Zusammenarbeit von Schule und Berufsberatung in Curricula und Unterrichtspraxis erst Mitte der siebziger Jahre verwirklicht. Obwohl heute die Curricula aller Länder eine berufliche Orientierung für die Sekundarstufe I und für die gymnasiale Oberstufe vorsehen, bestehen weiterhin erhebliche Unterschiede in der Gestaltung der Berufsorientierung zwischen den Schulformen.
Unter dem Titel "Berufsorientierung als Schlüsselkategorie der Berufsvorbildung" analysiert Harald Dibbern die Aufgaben der schulischen Berufsvorbildung im gesellschaftlichen und individuellen Kontext. Kernelement der Berufsvorbildung ist nach Dibbern die Berufsorientierung, verstanden als Lernprozess mit dem Ziel, die Chance auf eine selbstbestimmte Berufswahl zu vergrößern. Wesentlich für eine gelungene Berufsorientierung ist seiner Meinung nach eine "komplexe Lernsituation mit mehreren Lernorten, die aus der Kooperation von Schule und Berufsberatung entsteht und in der Regel ihren Schwerpunkt im Berufswahlunterricht der allgemeinen Schule" hat.
Der Aufsatz "Berufsorientierung im schulischen Unterricht. Grenzen und Möglichkeiten zur Unterstützung von Mädchen im Berufsfindungsprozess" von Doris Lemmermöhle-Thüsing basiert auf Erfahrungen und Ergebnissen des Projektes "Mädchen und Berufsfindung" und benennt theoretische, didaktische und organisatorische Defizite schulischer Berufsorientierung. Die Autorin sieht große Schwierigkeiten, mit denen Frauen beim Einstieg in die Erwerbstätigkeit kämpfen müssen. Als Grund dafür sieht sie die engen Handlungsspielräume, welche den Frauen bei der Vereinbarung von Beruf und Familie geboten werden, sowie das Fortbestehen eines eingeschränkten Arbeitsbegriffes, bei dem die häusliche Reproduktion außer Acht gelassen wird. Als Konsequenz wird ein neues Konzept der Berufsorientierung in der Schule gefordert, das den Berufsfindungsprozess von Mädchen stärker berücksichtigt.
In seinem Beitrag "Gestaltungswille, Selbstständigkeit und Eigeninitiative als wichtige Zielperspektiven schulischer Berufsorientierung" werden von Alfred Lumpe Trends für die Zukunft der Erwerbsarbeit, wie beispielweise die Globalisierung und die Entstandardisierung von Berufsbiografien, aufgezeigt sowie die Anforderungen der Berufsorientierung in der Wissensgesellschaft und der steigende Stellenwert von Eigeninitiative und Selbstverantwortung veranschaulicht. Die bisherige Abschlussorientierung in den Bildungsinstitutionen muss nach Ansicht des Autors durch eine Anschlussorientierung ersetzt werden. Betont wird die Notwendigkeit einer Vernetzung sowohl nach innen, damit die Berufsorientierung nicht nur einem Fachlehrer überlassen bleibt, wie nach außen, damit die Kooperation der Schule mit externen Partnern auf eine dauerhafte Grundlage gestellt wird. Abschließend werden die Hamburger Netzwerke, der Hamburger Schulversuch zum selbstgesteuerten Lernen sowie der Berufswahlpass als Instrument zur Stärkung selbstorganisierten Lernens vorgestellt.
Die vorliegende Textsammlung macht deutlich, dass die Globalisierungsprozesse und die fortschreitenden sozio-ökonomischen Veränderungen nicht nur die Berufs- und Arbeitswelt nachhaltig verändern, sondern direkte Auswirkungen auf die Lebensplanung und berufliche Laufbahn der Individuen haben. Die Texte unterstreichen die Notwendigkeit einer veränderten Berufsorientierung, die den beschriebenen Entwicklungen gerecht wird. Zudem zeigen sie die Umrisse eines neuen Verständnisses von Berufsorientierung und enthalten eine Reihe konstruktiver Vorschläge zur Verbesserung des Übergangs in Ausbildung und Beruf.
Keywords: Berufsorientierung, Berufswahl, Beruf, Jugendliche, Globalisierung, Beschäftigungsstrukturen, Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft, Normalarbeitsverhältnis, Orientierungshilfen, Strukturwandel, Schlüsselqualifikationen, Kompetenzen, Qualifikationsanforderungen, Benachteiligtenförderung, Ausbildung, Ausbildungsabbruch, Integration, Schule, Arbeitslehre, Berufsvorbildung, Wissensgesellschaft, Anschlussorientierung
Inhalt: Beiträge von bildungspolitischen Akteuren (Berufsorientierung - Reader II)
Übersicht: Reader Berufsorientierung I + II
(c) 2003 Programm "Schule - Wirtschaft/ Arbeitsleben", (c) 2003 sowi-online e.V., Bielefeld
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URL des Dokuments: http://www.sowi-online.de/reader/berufsorientierung/grundlagen-famulla-schreier.htm
Veröffentlichungsdatum: 01.08.2003
