Wirtschaftslehre in der politischen Bildung
Positionspapier der DVPB zum Verhältnis von ökonomischer und politischer Bildung
sowi-online dankt der DVPB für die freundliche Genehmigung zum "Nachdruck" dieses Textes im Internet.
Das Original ist unter dem gleichen Titel erschienen in: erschienen in: Polis, H. 2/2000, S. 24-25.
Um den Text zitierfähig zu machen, sind die Seitenwechsel des Originals in eckigen Klammern angegeben, z. B. [/S. 53:].
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Impressum
Auf der Basis eines Antrages des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen, der von der Delegiertenversammlung der DVPB am 18.3.2000 in Potsdam zustimmend an den Bundesvorstand verwiesen wurde, hat der Bundesvorstand der DVPB am 15.4.2000 folgendes Positionspapier beschlossen:
Kein gesondertes Fach Wirtschaft, aber verstärkte Wirtschaftslehre im Rahmen der Kernfächer Politischer Bildung
Von verschiedenen Seiten gibt es koordinierte und systematische Vorstöße mit dem Ziel, in allen Schulstufen aller allgemeinbildenden Schulen ein eigenständiges Fach "Wirtschaft" einzuführen. Parallel dazu wird u. a. gefordert, an den Hochschulen Studiengänge für Lehrerinnen/Lehrer zur Erlangung einer Lehrbefähigung für das Fach "Wirtschaft" an allgemeinbildenden Schulen einzurichten. Als strategische Startpunkte für die Realisierung dieses bildungspolitischen Plans wurden die Gymnasiale Oberstufe des Landes Nordrhein-Westfalen und das dort bestehende Integrationsfach Sozialwissenschaften ausgewählt. Dort läuft zur Zeit ein Modellversuch "Wirtschaft in die Schule", der zunächst den ökonomischen Teil im Fach Sozialwissenschaften der Sekundarstufe II ausdehnen und stärken soll, letztlich aber auf ein eigenes Fach Wirtschaftswissenschaften zielt.
Aus dem öffentlichen Interesse an der Sicherung der Politischen Bildung für die demokratische Gesellschaft ist Folgendes zu fordern:
- Bestand der Politischen Bildung erhalten
Eine Einführung eines weiteren Schulfaches Wirtschaftslehre darf auf keinen Fall auf Kosten der Kernfächer der Politischen Bildung (je nach landestypischen Bezeichnungen: Politik, Sozialkunde, Sozialwissenschaften usw.) gehen. Sie dürfen in den Stundentafeln nicht reduziert werden, da sie angesichts der Fülle an Themen und Problemen, die sie zu bearbeiten haben, bereits jetzt unter einem systematischen Mangel an Unterrichtszeit leiden. - Integration in den Kernfächern der Politischen Bildung sichern.
Die Kernfächer Politischer Bildung ( Fachbezeichnungen: Politik, Sozialwissenschaften, Sozialkunde usw.) verlangen eine Integration von Gegenstandsbereichen, Betrachtungsweisen und Methoden aus Politikwissenschaft, Soziologie und Ökonomik. Die damit verbundene wissenschaftliche und didaktische Qualität, die in bildungspolitischen Auseinandersetzungen um diese Fächer mühsam erkämpft wurde, darf nicht leichtfertig geopfert werden, indem man eine Teildisziplin unverhältnismäßig expandiert oder die Ökonomik ganz herausbricht und in einem eigenen Fach führt. - Integrative Lehrerausbildung im Bereich der Politischen Bildung
Auch in der Hochschule gilt es, den fächerübergreifenden Ansatz des Studienfaches zu sichern, um unter diesem Dach Interdisziplinarität und Transdisziplinarität zu fördern. In diesem Rahmen muß die Ökonomie originärer Bestandteil der entsprechenden Lehramtsstudiengänge sein. Eine Verschärfung der Disziplinarität wäre dagegen kontraproduktiv. - Wirtschaft im Kontext der Politischen Bildung lassen
In Wissenschaft und Gesellschaft gibt es starke Tendenzen, die Dominanz der Ökonomie gegenüber Politik und Gesellschaft zu fördern und zu legitimieren. Demgegenüber muß die Politische Bildung in der Demokratie dazu beitragen, kritisches Bewußtsein gegenüber demokratisch nicht legitimierten Machtansprüchen zu entwickeln. Die Möglichkeit, wirtschaftliche Prozesse und Strukturen demokratisch zu gestalten, muß im Bewußtsein der Jugendlichen als konstitutiv für eine freiheitliche Demokratie verankert werden.. Dies wird am besten dadurch gesichert, dass die wesentlichen Grundlagen der ökonomischen Bildung im Kontext Politischer Bildung verortet werden. - Pluralismus der Ansätze gewährleisten
Die von interessierter Seite für Bildungsverwaltung und Schule zusammengestellten und als Unterrichtsinhalte geforderten Ökonomiken folgen weitgehend einem einheitlichen Ansatz. Alternative Theoriekonzepte werden nicht in den Blick genommen. Die vorgelegten Konzepte (insbesondere das Memorandum des Deutschen Aktieninstituts von 1999) legen sich wie selbstverständlich auf ein bestimmtes Verständnis von Sozialer Marktwirtschaft fest, das gegenüber seinen gesellschaftlichen Folgewirkungen relativ unkritisch ist. Es muss dagegen ein Theorienpluralismus gesichert werden, der Kritik und alternativen Positionen angemessenen Raum lässt. Das ist am besten im Kontext eines interdisziplinär angelegten und sozialwissenschaftlich fundierten Studien- und Schulfaches zu leisten. - Modernisierung der ökonomischen Bildung im Rahmen der schulischen Politischen Bildung
Die Forderung, die ökonomische Bildung in der Schule müsse verstärkt werden, findet die nachdrückliche Zustimmung der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung. Diese Verstärkung muß aber aus den oben skizzierten Gründen realisiert werden als Modernisierung der ökonomischen Bildung im Rahmen der schulischen Politischen Bildung. Die DVPB schließt sich in diesem Zusammenhang ausdrücklich Hans Hermann Hartwichs Überlegungen "Kein neues Fach Ökonomie, aber eine modernere Wirtschaftslehre in der schulischen Politischen Bildung" an ("Gegenwartskunde", Heft 1/2000, S. 23 ff.). Die DVPB wird sich am weiteren Diskurs der angeschnittenen Fragen beteiligen.
Deutsche Vereinigung für politische Bildung
Der Bundesvorstand
Dr. Herbert Knepper
Haendelstr. 12
40822 Mettmann
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Bearbeitung: Martin Freisen
Veröffentlichungsdatum: 17.12.2000
Redaktionelle Korrekturen: 04.09.2001
URL des Dokuments: http://www.sowi-online.de/reader/oekonomie/dvpb.htm
