Denkschrift der BDA und des DGB zum Unterrichtsfach Wirtschaft, überreicht an die KMK am 21.08.2000
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Impressum
Dietmar Kahsnitz
Prof. Dr. Dietmar Kahsnitz
Johann-Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Fachbereich Sportwissenschaften und Arbeitslehre
Institut für Polytechnik/Arbeitslehre
Brief vom 30.08.2000
an die Ständige Konferenz der Kultusminister (KMK)
Denkschrift der BDA und des DGB zum Unterrichtsfach Wirtschaft, überreicht an die KMK am 21.08.2000
Sehr geehrte Damen und Herren,
in ihrer Denkschrift begründen BDA und DGB die Notwendigkeit eines eigenständigen Unterrichtsfachs Wirtschaft und stellen sie eine von den Ländern weiter zu konkretisierende Konzeption einer interdisziplinären und praxisorientierten sozioökonomischen Bildung vor. In einer Vielzahl von Bundesländern bestehen bereits entsprechende Fächer wie z.B. Wirtschaftslehre, Arbeitslehre oder Wirtschaft und Recht, allerdings nicht für alle Schulstufen der Sekundarschulen, wie in der Denkschrift gefordert wird. Auf der Pressekonferenz der Wirtschaftsverbände betonte der Präsident der Kultusministerkonferenz, Senator Willi Lemke, "dass die wirtschaftliche Bildung an Schulen gestärkt werden muss". Ein eigenständiges Schulfach Wirtschaft lehnte er aber ab: " Die Welt in noch mehr Unterrichtsfächer aufzuteilen, entspricht gerade nicht der Erkenntnis, dass wir interdisziplinäres Lernen und Denken stärker fördern müssen". Dieser Ablehnung und ihrer Begründung liegen einige Missverständnisse zugrunde, ohne die sich ein eigenständiges Unterrichtsfach als einzig zielführende Lösung erweist:
- Das vorgeschlagene Unterrichtsfach Wirtschaft ist bereits selbst interdisziplinär ausgerichtet. Es versteht das Wirtschafts- und Beschäftigungssystem als gleichermaßen ökonomisches wie gesellschaftliches Teilsystem. Um die Schüler und Schülerinnen über die Bedeutung der Wirtschaft für den einzelnen und die Gesellschaft sowie über ihre (zukünftigen) Handlungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten zu orientieren, müssen ihnen die dafür relevanten strukturellen Zusammenhänge der ökonomischen, sozialen, politischen, rechtlichen, ethischen, ökologischen und technischen Aspekte von Arbeit und Wirtschaft vermittelt werden.
- Diese Inhalte sind so komplex und umfangreich, dass sie nur in einem eigenen Fach kompetent und erfolgreich unterrichtet werden können.
- Nur wenn es ein Unterrichtsfach für Wirtschaft gibt, werden auch entsprechende Lehramtsstudiengänge eingerichtet, in denen die notwendigen wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fachkenntnisse für einen fachlich anspruchsvollen Unterricht erworben werden können.
- Diese wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fachkenntnisse können nicht im Rahmen anderer Fachstudien vermittelt werden, wenn diese nicht wieder unvertretbar verkürzt werden sollen.
- Wegen der sich daraus ergebenden fehlenden sozioökonomischen Fachkompetenz der Lehrenden anderer Fächer ist deshalb auch niemals allein durch die fragmentierte Thematisierung wirtschaftlicher Fragen in deren Fächern eine angemessene sozioökonomische Bildung zu erreichen.
- Erst ein Unterrichtsfach für Wirtschaft und ein entsprechender Studiengang sichert bei Lehrern und Schülern hinreichende fachlichen Grundlagen für perspektivenerweiternde fächerübergreifende Unterrichtseinheiten und Projekte.
- Interdisziplinarität, die dagegen mit fachlichen Unzulänglichkeiten erkauft wird, die zu einer oberflächlichen, u. U. auch einseitigen oder gar nur moralisierenden Behandlung wirtschaftlicher Sachverhalte führt, kann nicht Ziel einer schulischen Allgemeinbildung sein, die die Schüler und Schülerinnen befähigen soll, sich sachlich informiert mit der Gesellschaft auseinanderzusetzen und diese verantwortungsbewusst mitzugestalten.
Zusammenfassend kann man somit festhalten, dass eine der Bedeutung der Wirtschaft fachlich angemessene, interdisziplinäre und praxisorientierte sozioökonomische Allgemeinbildung nur mittels eines eigenständigen Unterrichtsfachs zu erzielen ist. In seiner Stellungnahme fordert Senator Lemke ferner die Wirtschaft auf, verstärkt geeignete Praktika anzubieten. Aus der Ausübung lediglich einfacher Anlerntätigkeiten im Betriebspraktikum erschließen sich den Schülern und Schülerinnen aber noch nicht die beruflichen, organisatorischen, wirtschaftlichen, sozialen, rechtlichen und technischen Strukturen eines Betriebs, dessen Situation am Markt etc. Um die Schüler zu befähigen, diese zu erkennen und zu analysieren, muss das Betriebspraktikum fachlich gut vorbereitet, betreut und ausgewertet werden. Andernfalls ziehen die Schüler meist falsche Schlüsse aus der recht kurzen und begrenzten Betriebserfahrung. Das setzt aber ein dafür zuständiges Unterrichtsfach und eine systematische sozioökonomische Bildung voraus, wie sie nur in einem eigenständigen Fach für Wirtschaft vermittelt werden kann. Sehr geehrte Damen und Herren, lassen Sie mich abschließend noch auf ein häufig geäußertes Argument gegen ein Fach Wirtschaft zu sprechen kommen, dass auf einem gedanklichen Fehlschluss beruht. Es wird behauptet, ein Fach Wirtschaft gehe zu Lasten anderer Bildungsinhalte und mit einer Integration wirtschaftlicher Themen in andere Fächer könne das vermieden werden. Für die anderen Bildungsinhalte macht es aber keinen Unterschied, ob die sozioökonomischen Inhalte im Rahmen anderer Fächer behandelt werden oder ob die dafür vorgesehene Unterrichtszeit zu einem eigenständigen Unterrichtsfach gebündelt wird. Ob z. B. im Geschichtsunterricht in Verbindung mit der industriellen Revolution 10 Unterrichtsstunden auf Wirtschaftswachstum, Außenhandel und die Rolle des Staates für die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands verwandt oder ob diese 10 Stunden auf ein Fach Wirtschaft übertragen werden, hat auf die Zeit, die für die übrigen Geschichtsthemen zur Verfügung steht, keinen Einfluss. In der Hoffnung, dass die vorgetragen Argumente in der Diskussion um die Denkschrift von BDA und DGB zum Tragen kommen, verbleibe ich mit freundlichen Grüßen
Prof. Dr. Dietmar Kahsnitz
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Veröffentlichungsdatum: 29.07.2000
Redaktionelle Korrekturen: 04.09.2001
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