MEMORANDUM: Ökonomische Grundbildung ist Teil der Allgemeinbildung
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Impressum
DEUTSCHER LEHRERVERBAND (DL) - AKTUELL (Mai 2000)
1.
Ökonomie ist Teil einer jeden
Kultur und Zivilisation. Insofern ist ökonomische Grundbildung Teil der Enkulturation
und Sozialisation sowie der Allgemeinbildung eines jeden Menschen.
Ökonomisches Wissen und die Fähigkeit, selbstbestimmt in wechselnden ökonomischen
Handlungssituationen agieren zu können, sind wesentliche Voraussetzung für die
Teilhabe eines Menschen an der Gesellschaft. In diesem Wissen und Handeln erfährt
sich der Mensch auch als "homo politicus".
2.
Die ordnungspolitischen Rahmenbedingungen
eines ökonomischen Systems sind Ausdruck des jeweils kulturell bestimmten Verständnisses
vom Bild des Menschen sowie seiner Gesellschaften und seiner Staatsformen. Insofern
ist ökonomische Grundbildung zugleich staatsbürgerliche Grundbildung. Leitziel
ist dabei der mündige Staatsbürger auch als mündiger Wirtschaftsbürger, der in
dieser Funktion unterschiedliche Rollen, wie z. B. die des Arbeitnehmers und Konsumenten
einnimmt.
3.
Deutschland hat sich nach
dem Krieg, als vereintes Deutschland ab 1990 für die Soziale Marktwirtschaft
entschieden. Diese Wirtschaftsordnung ist sowohl hinsichtlich des Markt- und Eigentumsgedankens
als auch hinsichtlich der Sozialpflichtigkeit des Eigentums grundgesetzlich garantiert.
Hinter diesen Gedanken wiederum stehen die Prinzipien der Eigenverantwortung,
der Subsidiarität und der Solidarität. Die Vermittlung dieser Prinzipien
muss deshalb Leitmotiv einer realitätsnahen ökonomischen Grundbildung sein; sie
ist damit zugleich ein Beitrag zur Erziehung zur Demokratie.
4.
Zur politischen Grundbildung
gehört es klarzumachen, dass Staat und Gesellschaft unterschiedliche Sachverhalte
sind. Weil Gesellschaft und Gemeinschaft immer mehr dazu neigen, Aufgaben an den
Staat zu delegieren (bis hin zu ureigenen erzieherischen Aufgaben), ist der Staat
an die Grenzen seiner Belastbarkeit gelangt. Er wird vielfach nur noch verstanden
als allmächtige Sozialagentur, als omnipotenter Lieferant und Dienstleister, als
hypertropher, totaler Versorgungsstaat, als Garant für die Erfüllung von Vollkasko-Ansprüchen.
Dadurch wird das Prinzip "Eigenverantwortung" vernachlässigt. Die Folgen für die
Wahrnehmung des Staates durch die Bürger sind: der Glaube an die Machbarkeit aller
Ansprüche und Forderungen; eine Mentalität des "Vollkasko ohne Eigenbeteiligung";
eine Staats- und Politikverdrossenheit, wenn der Staat nicht fähig ist, alle Ansprüche
zu erfüllen. Für den Einzelnen wiederum sind die Folgen dieser an den Staat gerichteten
Allmachts- oder Status-quo-Erwartungen eine allmähliche Entmündigung; ein Verlust
an Freiheit durch hohe Abgabenlasten; ein Verführen zur Bequemlichkeit; ein Unterminieren
von Eigenverantwortung oder eine zunehmende Distanz gegenüber Politik und Staat.
5.
Die schulische Perspektive
einer ökonomischen Grundbildung ist in erster Linie makroökonomisch ausgerichtet,
sie fördert vor allem die Einsichten,
- dass eine soziale und
ökologisch orientierte Politik ohne leistungsfähige Marktwirtschaft,
ohne wissenschaftlich-technische Innovation, ohne Förderung von Selbständigkeit und von
Selbständigen, ohne Stärkung des Standortes Deutschland und ohne die millionenfache
Leistung jedes Einzelnen nicht zu machen ist; - dass Staat und Gesellschaft
nicht dasselbe sind und dass beide je unterschiedliche
Aufgaben haben; - dass der Unendlichkeit
der Bedürfnisse die Endlichkeit der Mittel gegenübersteht und der
Staat keine sozialen Breitband-Therapeutika parat haben kann; - dass der Staat nicht Glückslieferant sein kann, sondern subsidiär nur "Ermöglicher" von Glück.
Der jeweilige Beruf und die vor dem Hintergrund der Globalisierung immer höhere Veränderungsdynamik beruflicher Anforderungen und Erwartungen bestimmen maßgeblich die Möglichkeiten des Bürgers, innerhalb der Wirtschaftsordnung zu agieren. Insofern ist berufliche Bildung per se Teil der ökonomischen Bildung. Ihr muss im Interesse einer mündigen Teilhabe am Wirtschaftssystem im allgemein bildenden Schulwesen eine berufliche Orientierung vorausgehen, z.B. durch Förderung der Berufswahlreife, Betriebserkundungen und Betriebspraktika. Weil zukünftig ein erheblich größerer Anteil der Berufstätigen selbständig als Unternehmer tätig sein wird, gehört es zur ökonomischen Grundbildung, diese Form der Erwerbstätigkeit bereits schulisch besonders hervorzuheben.
7.
Die Vermittlung ökonomischer
Kenntnisse und Einsichten ist in den Jahrgangsstufen 5 bis 10 zwingend notwendig.
Dies kann in einem eigenen Fach geschehen. Aufgrund der hohen Komplexität
und der ausgeprägten Interdisziplinarität ökonomischer Grundfragen spricht
vieles dafür, ökonomische Themen in mehreren Fächern zu behandeln. Die
Fächer Politik/Sozialkunde, Geschichte und Erdkunde haben dabei eine Leitfunktion.
Um einer Atomisierung der ökonomischen Grundbildung vorzubeugen, ist die Abstimmung
der Curricula über alle Fächer und Jahrgangsstufen hinweg sowie die Abstimmung
der Lehrer einer Klasse unverzichtbar. Eine flankierende Aufgabe kommt den Fächern
Deutsch, Fremdsprachen, Religion/Ethik sowie Mathematik und den Naturwissenschaften
zu. Der Bedarf an einer soliden ökonomischen Grundbildung wird auf insgesamt mindestens
200 Unterrichtsstunden geschätzt.
8.
Bei der Auswahl der Themen
der ökonomischen Grundbildung im allgemein bildenden Schulwesen ist größter
Wert auf das Wesentliche zu legen und eine Vorwegnahme von Elementen der ökonomischen
Bildung der berufsbildenden Schulen zu vermeiden. Verbindlich sollten im besonderen
folgende Inhalte sein:
- verschiedene Wirtschaftssysteme und Wirtschaftsordnungen im Vergleich
- Prinzipien des Wettbewerbs in der sozialen Marktwirtschaft
- die Bedeutung des Wirtschaftswachstums für Beschäftigung und Wohlstand
- die Bedeutung von Innovationen für das Wirtschaftswachstum
- die gesellschaftliche und individuelle Bedeutung von Arbeit und Beruf
- die Rolle des Verbrauchers in einer marktwirtschaftlichen Ordnung
- die Bedeutung des Unternehmertums
- die Bedeutung von Eigentum und Kapital
- die Bedeutung und Formen der Vermögensbildung
- die Bedeutung von ökonomischen Erfolgsgrößen wie z. B. Gewinn
- Standortfaktoren, Strukturwandel, Europäisierung und Globalisierung
- Wandel der beruflichen Anforderungen
- Grundzüge des Steuersystems
- Grundfragen der Lohn- und Tarifpolitik
- Kollektive und individuelle Alterssicherungssysteme
- Grundzüge des Geld- und Zahlungsverkehrs
9.
Eine wichtige Rolle bei der
Vermittlung dieser Themen spielen außer der Lehrerqualifikation die Lehrpläne
und Schulbücher. Letztere leiden nach wie vor darunter, dass die Bereiche
Wirtschaft, Technik und Beruf sowie allgemeines ökonomisches Basiswissen viel
zu schwach repräsentiert sind. Auch fehlt es in den Schulbüchern weitestgehend
an einer Darstellung des wirtschaftlichen Unternehmertums und des Ehrenamtes.
(Vgl. dazu die im September 1997 vorgelegte Schulbuchuntersuchung des Instituts
für arbeitsorientierte Allgemeinbildung der Universität Bremen zu Schulbüchern
der Fächer Deutsch, Englisch, Erdkunde und Geschichte der Klassen 7 bis 10).
10.
Gerade bei der Vermittlung ökonomischer Grundbildung ist methodische
Vielfalt angezeigt und in besonderem Maße möglich: herkömmlicher
Unterricht, Erkundungen, Praktika, Einbeziehung des Erfahrungshorizontes der
Schülereltern, Planspiele, Fallstudien, Exkursionen, Computersimulationen,
Internet-Recherchen, Schülerfirma usw. Darüber hinaus ist es im besonderen
Interesse der ökonomischen und der politischen Grundbildung, wenn Schüler
frühzeitig und mit Nachdruck dazu angehalten werden, regelmäßig
Tageszeitungen zu lesen.
Keywords: ökonomische Bildung, ökonomische Grundbildung, Allgemeinbildung, Sozialkunde, Interdisziplinarität, Unterrichtsfach Wirtschaft
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Veröffentlichungsdatum: 29.07.2000
Redaktionelle Korrekturen: 04.09.2001
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