Wirtschaft in die Schule! Plädoyer für ein Schulfach Ökonomie an allgemein bildenden Schulen

(c) 2000 Leske + Budrich, Opladen
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sowi-online dankt dem Verlag Leske + Budrich für die freundliche Genehmigung zum "Nachdruck" dieses Textes im Internet; er wurde von der sowi-online-Redaktion gekürzt. Dieser Beitrag argumentiert im wesentlichen wie das DAI-Memorandum zur ökonomischen Bildung.

Das Original ist unter dem gleichen Titel erschienen in: Gegenwartskunde 49. Jg. (2000) 1, S. 11-22 (ISSN 0016-58759, 132 S., Einzelheft 16 DM). Weitere Informationen über diese Zeitschrift: Inhaltsverzeichnis von Gegenwartskunde H. 1/2000, Infos zum Abonnement.

Um die Texte zitierfähig zu machen, sind die Seitenwechsel des Originals in eckigen Klammern angegeben, z. B.[/S. 53:].

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Impressum

Rüdiger von Rosen

[...] Unsere wirtschafts- und gesellschaftspolitische Lage ist keineswegs problemfrei. Die Arbeitslosenquote liegt bei neun Prozent. Die öffentlichen Haushalte haben angesichts hoher Soziallasten und systembedingter Steuerausfälle kaum Handlungsspielraum. Weiterhin bedürfen die Systeme der sozialen Sicherung angesichts der absehbaren demographischen Veränderungen in den kommenden Jahrzehnten dringend einer neuen Fundierung. Viele dieser Herausforderungen lassen sich in einer demokratischen Gesellschaft nur dann erfolgreich bewältigen, wenn das Wissen um ökonomische Zusammenhänge und Interdependenzen nicht nur einigen wenigen Fachleuten vorbehalten wird, sondern sich zu einem echten Allgemeingut entwickelt. [...] [/S. 12:]

Wir brauchen auch in Deutschland eine Gründer- und Unternehmermentalität, eine neue Offenheit gegenüber Selbstständigkeit und wirtschaftlichem Wagnis. Wir haben nicht das Recht, unserer Jugend die Chancen auf ein selbstbestimmtes und selbstverantwortetes Leben zu verweigern, indem wir ihr in der Schule wichtige Informationen vorenthalten und sie zur passiven Inanspruchnahme staatlicher Leistungen erziehen, statt ihnen Eigeninitiative zu vermitteln. Wir müssen von der Versorgungsgesellschaft zur Chancengemeinschaft kommen. Chancen kann aber nur wahrnehmen, wer sie zu erkennen und zu nutzen gelernt hat.

Eine höhere Aufgeschlossenheit gegenüber wirtschaftlichen Fragen, eine ausgeprägte Gründermentalität und eine starke Innovationskraft sind wesentliche Erfolgsfaktoren in den USA. Die lebenslange Beschäftigung mit Wirtschaftsfragen ist in den Vereinigten Staaten eine Selbstverständlichkeit, und Wirtschaftskenntnisse sind ein weit verbreitetes Allgemeingut. Hiervon sind wir in Deutschland noch weit entfernt.

II

Die Grundlagen für eine qualifizierte Auseinandersetzung mit ökonomischen Fragestellungen müssen in der Schule gelegt werden. Die Vermittlung einer ausreichenden ökonomischen Bildung findet in den Schulen der meisten Bundesländer aber praktisch nicht statt. Wirtschaftliche Inhalte werden oftmals, wenn überhaupt, nur in anderen Fächern - z.B. "Politik" oder "Sozialwissenschaften" - angesprochen. Nur in Bayern und in Thüringen gibt es ein eigenes Pflichtfach, z.B. "Wirtschafts- und Rechtslehre", das alle Schüler erreicht.

Dieser Zustand ist zutiefst unbefriedigend. Er schadet jedem einzelnen, der in der Schule nicht ausreichend auf die Herausforderungen seines künftigen Lebens in seinen Rollen als Konsument, Arbeitnehmer, Unternehmer, Sparer, Versicherter, Steuerzahler und Wähler vorbereitet wird. Wer unserer Jugend eine elementare ökonomische Bildung vorenthält, entlässt sie unzureichend ausgebildet ins Privat- und Berufsleben und vermindert damit ihre Chancen, die vor ihnen liegenden Herausforderungen erfolgreich zu bewältigen. Es ist ohne Zweifel, dass der Druck aus Europäisierung und Globalisierung hier zusätzliche Anforderungen stellt.

Die weitgehende Vernachlässigung ökonomischer Bildungsinhalte in den allgemein bildenden Schulen stellt darüber hinaus eine sehr ernst zu nehmende Gefährdung unserer Gesellschaftsordnung dar. Ökonomische Kenntnisse erschließen unserer Jugend den Zusammenhang zwischen unserer Wirtschaftsordnung und der demokratischen Regierungsform, sie vermitteln die enge Verbindung von individueller Leistung, gesamtwirtschaftlicher Wohlfahrt und Leistungsfähigkeit des Sozialstaates und leisten damit auch einen wesentlichen Beitrag zur Werteerziehung. Keine unserer staatstragenden Parteien stellt diese Anforderungen in Frage. Im Gegenteil: Sie sind Kernelemente aller Parteiprogramme.

Der Schlüssel zur Vermittlung grundlegender ökonomischer Kenntnisse liegt in einem eigenständigen Fach Ökonomie, das den Fächerkanon in allen allgemein bildenden Schulen ergänzt. Die Begründung dieser Forderung lässt sich in zwei grundlegenden Thesen fassen: [/S. 13:]

  1. Kenntnisse über Wirtschaft und wirtschaftliche Zusammenhänge gehören zur Allgemeinbildung.
  2. Ausreichende Kenntnisse über Wirtschaft und wirtschaftliche Zusammenhänge lassen sich nur im Rahmen eines eigenen Faches vermitteln.

III

Zum allgemein bildenden Charakter ökonomischer Kenntnisse und Fertigkeiten:

Oftmals wird argumentiert, die Forderung nach einer stärkeren Vermittlung wirtschaftlicher Inhalte in den Schulen liege vor allem im Interesse der Wirtschaft, die damit einen Teil ihrer Ausbildungskosten auf das Schulsystem, also den Steuerzahler abwälzen wolle. Nach dieser Auffassung würden Wirtschaftskenntnisse nicht in den Bereich der Allgemeinbildung gehören, sondern vor allem der Berufsvorbereitung dienen. Daraus würde natürlich folgen, dass das berufsbildende Schulsystem der richtige Ort für die Vermittlung ökonomischer Bildungsinhalte wäre, nicht jedoch die Haupt- und Gesamtschule, die Realschule oder das Gymnasium.

Diese Auffassung kann bei näherer Betrachtung nicht aufrechterhalten werden. Die ökonomische Bildung, die wir brauchen und fordern, umfasst weit mehr als nur das unmittelbar beruflich verwertbare Wissen.

Eine Vielzahl der aktuellen Probleme in unserem Land ist wirtschaftlicher Natur. Arbeitslosigkeit und Altersvorsorge sind primär Ökonomische Phänomene und bedürfen einer Ökonomisch fundierten Politik. Jeder Bürger in einer demokratischen Gesellschaft braucht wirtschaftliche Grundkenntnisse, um die Programme der verschiedenen Parteien beurteilen und sein Wahlrecht verantwortungsvoll ausüben zu können. Es darf nicht dem Zufall überlassen werden, ob ein besonders engagierter und qualifizierter Lehrer in seinem Unterricht die erforderliche ökonomische Basis legt oder ob ein Schüler diese Basis in einem Wahlpflichtfach erwirbt. Erst dieses Grundwissen ermöglicht es dem Schüler, wirtschaftliche und politische Vorgänge selbstständig zu durchschauen und seine eigenen Interessen zu erkennen und zu vertreten. Wo ökonomisches Urteilsvermögen fehlt, können Vorurteile gedeihen. Es droht die Gefahr, dass vorschnell Scheinlösungen einer nachhaltig erfolgreichen Politik vorgezogen werden. Ökonomische Bildung trägt hingegen effizient zur wirklichen Lösung ökonomischer Probleme bei und stabilisiert die Demokratie.

Aber nicht nur als Wähler oder politisch engagierter Bürger, sondern auch für den privaten Bereich sind ökonomische Kenntnisse und Fertigkeiten unerlässlich. Dies gilt für die Berufswahl und das Leben als Konsument ebenso wie für die immer wichtiger werdenden Vorsorge- und Anlageentscheidungen. [...] [/S. 14:]

Warum es so bedeutsam ist, bereits jungen Menschen dieses Wissen zu vermitteln, sei an einem einfachen Sachverhalt aufgezeigt: In der langen Frist erreicht ein Anleger mit einem breit gestreuten Aktiendepot sehr zuverlässig eine Rendite von etwa 10 % p.a. Damit erzielt er gegenüber einem Depot mit festverzinslichen Wertpapieren einen Renditevorsprung von zwei bis drei Prozentpunkten. Diese relativ gering erscheinende Renditedifferenz bewirkt allerdings dank des Zinseszinseffektes in dreißig Jahren eine Verdoppelung des Endvermögens. [...]

Unsere Forderung nach breiter ökonomischer Bildung hat [...] einen ganz konkreten gesellschafts- und sozialpolitischen Hintergrund. Die Beschäftigung mit wirtschaftlichen Fragestellungen darf nicht einigen wenigen vorbehalten werden, sondern geht uns alle an. Diese Themen gehören eindeutig zur Allgemeinbildung [/S. 15:] und müssen deshalb bereits in der Schule - und zwar in jeder allgemein bildenden Schule ! - grundlegend vermittelt werden. Es liegt in unserem gemeinsamen Interesse und nicht nur im Partikularinteresse einzelner Branchen, nachwachsende Generationen grundlegend auf ihre Aufgaben vorzubereiten.

IV

Nach der Frage des "ob" der Vermittlung wirtschaftlicher Inhalte sei nun die Frage des "wie" angesprochen. Dies führt mich zu meiner zweiten These:

Ausreichende Kenntnisse über Wirtschaft und wirtschaftliche Zusammenhänge lassen sich nur im Rahmen eines eigenen Faches vermitteln.

Oftmals wird zwar zugestanden, ökonomische Inhalte gehörten durchaus zu den Bildungsinhalten der allgemein bildenden Schulen, doch gleichzeitig behauptet, es bedürfe keines eigenständigen Faches Ökonomie. Vielmehr sei ein fächerübergreifender oder integrativer Ansatz vorzuziehen. [...] Auch dieser Auffassung kann nicht zugestimmt werden. [...]

Wirtschaftliche Inhalte lassen sich nur im Rahmen eines eigenen Faches adäquat vermitteln. Es bedarf eigener Richtlinien und eines eigenen Lehrplans, einer eigenen Fachdidaktik, speziell ausgebildeter und kontinuierlich fortgebildeter Lehrer und aktuellen Unterrichtsmaterials, um den Schülern ökonomische Inhalte mit Erfolg zu vermitteln. Jede Integration von Wirtschaftsthemen in andere Fächer führt tendenziell dazu, ökonomische Phänomene aus dem Blickwinkel dieser Fächer zu betrachten, ohne zuvor die für eine sachliche Beurteilung und Problemlösung unabdingbaren ökonomischen Grundlagen zu vermitteln. Dies muss unweigerlich zu vordergründig einleuchtenden, tatsächlich aber falschen Lösungsvorschlägen für wirtschaftspolitische Fragestellungen führen. [...] [/S. 16:]

Alle Qualifikationen und alle Lernziele für den Politikunterricht [in der Sekundarstufe I in Nordrhein-Westfalen; d. Red.] betreffen die Auseinandersetzung im öffentlichen Diskurs und die Entscheidungsfindung in der Demokratie. Im Mittelpunkt des hier zugrunde liegenden Weltbildes stehen Konflikte zwischen widerstreitenden Interessen und die Möglichkeiten, diese Konflikte durch Überzeugung und Diskussion, durch Wahlen und die Ausübung staatlicher Macht zu lösen. Folgerichtig werden auch die wirtschaftlichen Themen in den Richtlinien aus politischer, nicht aber aus wirtschaftlicher Perspektive angegangen.

Keine explizite Berücksichtigung findet in den Richtlinien des Faches Politik hingegen ein anderer Entscheidungsmechanismus, auf dem unser heutiger Wohlstand beruht: die Koordination wirtschaftlichen Handeln durch den Markt. [...]

Wir bekommen unsere wirtschaftlichen Probleme aber nicht in den Griff, wenn wir uns nicht mit den elementaren Grundlagen wirtschaftlichen Handelns befassen. Hierzu gehören in der Wirtschaftsordnung der Sozialen Marktwirtschaft, für die wir uns zu Recht entschieden haben, aber vor allem die Veranstaltung des Marktes, seine Funktionsweise und die Bedingungen für seine Funktionsfähigkeit. Letzteres ist besonders wichtig. Nur wenn die Bedingungen für funktionsfähige Märkte in weiten Bevölkerungskreisen bekannt sind, kann die Politik der naheliegenden Versuchung widerstehen, wirtschafts- und sozialpolitische Probleme stets durch weitere Einschränkungen des Marktmechanismus lösen zu wollen, statt zunächst zu prüfen, ob die Probleme nicht erst durch Behinderung des Marktes entstanden sind.

Die Richtlinien Politik für die Sekundarstufe I im Land Nordrhein-Westfalen bieten allerdings keine Garantie für die Vermittlung der grundsätzlichen Funktionsweise einer Marktwirtschaft - ganz im Gegenteil: Wann immer das Stichwort Markt fällt, dann geschieht dies im Zusammenhang mit Fehlfunktionen und Mißständen. Was jedoch fehlt, ist die Information darüber, dass es mehrere effiziente Koordinationsmechanismen gibt, die alle ihre Stärken und Schwächen, ihre spezifischen Anwendungsgebiete und Anwendungsvoraussetzungen haben: Diskussion, Wahl und Abstimmung in der demokratischen Gesellschaft, Angebot, Nachfrage und freie Preisbildung in der Sozialen Marktwirtschaft. [...] es ist essentiell für die Funktionsfähigkeit der Sozialen Marktwirtschaft, dass die [/S. 17:] Menschen in unserem Land mit ihrer grundsätzlichen Funktionsweise vertraut gemacht werden. [...]

Es ist die Aufgabe eines eigenständigen Faches "Ökonomie", den Schülern von heute die wirtschaftlichen Kenntnisse und Fertigkeiten zu vermitteln, die sie in ihrem zukünftigen Leben benötigen. Hierzu zählt auch ein Grundverständnis über die Funktionsweise unserer Wirtschaftsordnung und ihrer Institutionen. Auf dieser soliden und zuverlässigen Basis sind dann selbstverständlich auch Probleme und Schwachstellen anzusprechen.

Dieses Themengebiet ist von der Sache her kein Bestandteil der Fächer "Politik", "Sozialwissenschaften" oder "Gemeinschaftskunde". Es steht gleichberechtigt neben der Politik, und diese Gleichberechtigung muss sich auch in einer Eigenständigkeit des Faches "Ökonomie" niederschlagen. [...] [/S. 18:]

Für das Deutsche Aktieninstitut stellt das Thema "Schulfach Ökonomie" einen wichtigen Schwerpunkt seiner Arbeit dar. [...] Aus diesem Grund hat das Deutsche Aktieninstitut einen "Beirat für ökonomische Bildung" berufen, in dem Vertreter der Wirtschaftspädagogik und -didaktik, der Lehrerorganisationen, der Lehrerausbildung und der Schulpraxis zusammenarbeiten. Dieser Beirat hat eine grundsätzliche Argumentation für ein Fach "Ökonomie" erarbeitet. In diesem Memorandum - das die Forderung nach einem Schulfach Ökonomie nicht aus wirtschaftlicher, sondern aus pädagogischer Sicht begründet und sich damit von zahlreichen ebenso richtigen Stellungnahmen anderer Wirtschaftsverbände unterscheidet - wird ein breit angelegtes Ziel-/Inhaltskonzept für ein Curriculum vorgeschlagen, aus dessen thematischer Breite und inhaltlicher Vielfalt bereits ersichtlich wird, dass eine fundierte ökonomische Bildung außerhalb eines eigenständigen Faches nicht möglich ist [...]. [Hier folgt ein längeres Zitat aus dem "Memorandum zur ökonomischen Bildung" vom Deutschen Aktieninstitut DAI, Frankfurt am Main 1999. S. 25-27; d. Red.]

VI

Gegen ein eigenständiges Fach Ökonomie werden verschiedene Argumente vorgebracht, die u. E. allesamt einer näheren Prüfung nicht standhalten. Manche müssen sogar als Vorurteile oder Fehlvorstellungen gelten. Die beiden am häufigsten bemühten Argumente möchte ich hier zur Diskussion stellen:

1. Fehlvorstellung: Ökonomische Bildung kann und soll fächerübergreifend erfolgen.

Der Gedanke ist verlockend: in vielen anderen Fächern bestehen durchaus Anknüpfungspunkte zu ökonomischen Fragestellungen. Von Fächern wie Geschichte und Politik über Geographie bis hin zu Mathematik, aber auch von Deutsch, Religion und Biologie lassen sich leicht Brücken zur Ökonomie herstellen. Dies ist grundsätzlich richtig und begrüßenswert [...] [/S. 20:]

Hier stellt sich die Frage an alle, die einen fächerübergreifenden Unterrichtes anstelle eines eigenständigen Schulfaches Ökonomie präferieren, warum auf der einen Seite zumindest implizit in ökonomischen Fragen Kompetenz bei den Vertretern anderer Fächer vermutet wird, während andererseits den Ökonomen die "spiegelbildliche" Kompetenz in anderen Fächern abgesprochen wird. [...]

Ökonomie ist eine theoretisch fundierte Wissenschaft, deren Gesetze und Regeln man von Grund auf erlernen muss, bevor man sie anwenden kann. Ökonomische Theorie ist insofern der Grammatik einer Sprache vergleichbar: nur wer die Regeln souverän beherrscht, kann sie auch sauber und fehlerfrei anwenden. Das setzt aber wiederum voraus, dass diesen Regeln ausreichender Raum im Unterricht eingeräumt wird und dass der Unterricht von Lehrern erteilt wird, die fachlich sattelfest sind. Und dies erfordert eben ein eigenständiges Fach.

Fächerübergreifender Unterricht ist demgegenüber sinnvoll und notwendig, um gedankliche Brücken zwischen verschiedenen Fachgebieten zu bauen. Eine Brücke ist aber nur dann tragfähig und stabil, wenn sie auf beiden Seiten einen festen Stand hat. Für die - durchaus berechtigte - Forderung nach mehr fächerübergreifendem Unterricht bedeutet dies, dass zunächst ein Fundament ökonomischer Kenntnisse gelegt werden muss, bevor eine Verknüpfung mit anderen Fächern vorgenommen wird. So lange es kein eigenständiges Fach Ökonomie an den allgemein bildenden [/S. 21:] Schulen gibt, ist ein echter fächerübergreifender Unterricht zu den aktuellen ökonomischen Themen überhaupt nicht möglich. Ohne dieses Fach Ökonomie können die Schüler bestenfalls in Bruchstücken ökonomisches Wissen erwerben, wahrscheinlicher ist aber eine gefährliche Ansammlung von Halb- und Falschwissen.

2. Fehlvorstellung: Ökonomische Bildung kann in einem Kombinationsfach (Gemeinschaftskunde, Sozialwissenschaften o.a.) erfolgen.

In einer ganzen Reihe von Bundesländern sollen ökonomische Grundkenntnisse im Rahmen eines "Kombinationsfaches" (Gemeinschaftskunde, Sozialwissenschaften etc.) vermittelt werden. Weitere Disziplinen in diesen Fächern sind zumeist Politologie und Soziologie. Angesichts der Existenz dieser Fächer, so wird behauptet, gebe es keinen Bedarf für ein eigenständiges Fach Ökonomie.

Bei allem Respekt vor diesen Fächern und den diesen Stoff vermittelnden Lehrkräften haben Politologie und Soziologie jedoch mit Ökonomie nur wenig gemein. Die Zusammenfassung dieser drei Disziplinen in einem einzigen Fach ist ein allzu starres Korsett, und eine sinnvolle fachübergreifende Gestaltung des Unterrichts gelingt nicht einmal innerhalb des Kombinationsfaches, obwohl hier sogar die Notwendigkeit einer Abstimmung zwischen den Lehrern entfällt. In der Praxis werden Inhalte der einzelnen Disziplinen ohne Bezug aufeinander abgearbeitet, und die Schüler müssen sich alle paar Monate auf andere Gedankengebäude einstellen.

Nun könnte man einwenden, dass zumindest ein gewisser Anteil dieser Kombinationsfächer der Vermittlung ökonomischer Inhalte gewidmet werden könne. Dies sei in jedem Fall besser als gar kein Unterricht auf diesem Fachgebiet. [Aber] [...] dass ein Lehramtskandidat mit umgerechnet gerade einmal einem Semester Ökonomiestudium nicht das [..] erforderliche Verständnis für die Funktionsweise einer arbeitsteilig organisierten Marktwirtschaft in all ihrer Komplexität entwickeln kann, ist sicherlich nachvollziehbar.

Selbst wenn der Anteil der Ökonomie an den Kombinationsfächern in der Praxis wirklich ein Drittel der Gesamtzeit einnimmt, so wird er doch von Lehrern geleistet, die nicht zwei, sondern vier grundverschiedene Fächer studiert haben. Auch hier kann die Absurdität der Vorstellung, unter diesen Voraussetzungen könne ein fachlich anspruchsvoller und motivierender Unterricht gelingen, leicht [...] demonstriert werden: Niemand käme ernsthaft auf den Gedanken, die Fächer Biologie, Physik und Chemie zu einem Kombinationsfach "Naturwissenschaften" zusammenzufassen und die Lehrerausbildung in jeder dieser Disziplinen auf ein Drittel zu reduzieren. Die Zusammenfassung von Ökonomie, Soziologie und Politologie zur "Gemeinschaftskunde" ist aber letztlich nichts Anderes.

Ein anspruchsvoller und fundierter Ökonomieunterricht lässt sich nur mit gut ausgebildeten Lehrern bewerkstelligen. Dies erfordert einen ausreichenden Anteil ökonomischer Inhalte im Studium sowie in der Seminarausbildung, was wiederum [/S. 22:] ein eigenständiges Fach Ökonomie voraussetzt. Auch die Existenz von Kombinationsfächern kann somit letztlich die Forderung nach einem eigenständigen Fach Ökonomie nicht wirksam entkräften. [...]


Keywords: Schulfach Ökonomie, ökonomische Bildung, politische Bildung, Allgemeinbildung, ökonomisches Wissen, Lehrerbildung, Deutsches Aktieninstitut. fächerübergreifender Unterricht, Integrationsfach

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