Pandel, Hans-Jürgen (1987): Dimensionen des Geschichtsbewusstseins. Ein Versuch, seine Struktur für Empirie und Pragmatik diskutierbar zu machen

Der extensive Gebrauch des Begriffs Geschichtsbewusstsein in der politisch-publizistischen Alltagspraxis wie in der Geschichtsdidaktik täuscht über den geringen Grad seiner theoretischen Elaboriertheit. Diese Tatsache macht es notwendig, sich einmal näher damit zu beschäftigen, was gegenwärtig unter Geschichtsbewusstsein genauer zu verstehen ist. Die aktuelle Diskussion um „Endlagerung des Faschismus“ und „Geschichte als Schadensabwicklung“ sowie der zunehmend erneute Gebrauch von historischen Gesten und Ritualen verlangt Aufklärung über die Struktur des Geschichtsbewusstseins. Ich sehe noch nicht, dass in der Geschichtsdidaktik ein konsensfähiger Begriff von Geschichtsbewusstsein besteht. Wir müssen aber ein gewisses Vorverständnis haben, welche Momente eigentlich jene Struktur ausmachen, die wir Geschichtsbewusstsein nennen, um seine Wirkungsweise erklären zu können. Erst danach können wir drei Aufgabengebiete der Bewusstseinsforschung erfolgreich angehen: empirische Forschung, Geschichtsschreibung und geschichtsdidaktische Pragmatik. Wir können dann eine „Morphologie“ (Jeismann) des gegenwärtigen Geschichtsbewusstseins erstellen sowie eine Zeitgeschichte der Mentalitäten schreiben. Diese empirischen Aufgaben - wohl die wichtigsten der Geschichtsdidaktik - werden die Grundlage dafür darstellen können, geschichtsdidaktisch begründet handeln zu können. Eine geschichtsdidaktische Pragmatik, d. h. eine geschichtsdidaktische Handlungstheorie, wird aber nicht so lange warten können, sondern wird gleichzeitig ansetzen müssen. Aus diesem Grund wäre eine Diskussion um die Struktur von Geschichtsbewusstsein dringend erwünscht.